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Der Luchs ist das Wappentier des NP Bayerischer Wald
(Foto: Mennekes, NABU)

Nachdem im "Jubiläumsjahr" 1998 eine mehrtägigen Fahrt aus organisatorischen Gründen ausfallen musste, konnte die Wittgensteiner Regionalgruppe 1999 wieder an die "Tradition" mehrtägiger Exkursionen der Vorjahre anknüpfen. Nach den früheren Reisezielen Elbtalaue, Biosphärenreservat Röhn, und dem geplanten Nationalpark Kellerwald ging es diesmal um die Entwicklung, die der älteste deutsche Nationalpark genommen hat.

In der jüngeren Vergangenheit ist in Deutschland die Diskussion um Großnaturschutzgebiete wieder, zum Teil sehr kontrovers, belebt worden. Im Brennpunkt stehen hier vor allem Schutzgebiete, die tatsächlich keinerlei wirtschaftliche Eingriffe des Menschen mehr zulassen. Ein lebendiges Beispiel hierfür ist die derzeitige Diskussion um den Nationalpark Bayerischer Wald. Bereits die Einrichtung dieses Großschutzgebietes vor nunmehr 27 Jahren war keineswegs ein leichtes Unterfangen. Zu unterschiedlich waren die Vorstellungen, wie denn eigentlich ein Nationalpark aussehen sollte und, vor allem, was darin in Zukunft erlaubt bzw. nicht mehr erlaubt sein sollte.

Natürliche Walddynamik
(Foto: Mennekes, NABU)

Trotz vieler Versuche, die Nationalparkidee zu verwässern, gelang es 1997 sogar der Bayerischen Landesregierung, den Nationalpark Bayerischer Wald auf die heutigen 24.250 Hektar zu erweitern. Zu diesem mutigen Schritt kann man den politsch Verantwortlichen nur gratulieren. Trotzdem geht die Auseinandersetzung um die Zulassung einer naturgewollten Dynamik im Nationalpark unvermindert weiter. Kritiker des "Nicht-Eingreifens" weisen auf entgangenen wirtschaftlichen Nutzen sowie auf drohende Entwaldung hin, wenn im Nationalpark weiterhin nichts gegen eine Massenvermehrung der Borkenkäfer getan werde.

Tatsächlich haben vermehrte Windwürfe in den zurückliegenden Jahren, sowie die nach wie vor deutlich sichtbaren Immissionsschäden, die Lebensbedingungen für Borkenkäfer des Bergfichtenwaldes begünstigt. Große Flächen alter Fichtenwälder sind mittlerweile abgestorben.
Doch wie sehen diese Flächen bei genauer Betrachtung aus? Bietet sich wirklich nur noch ein trostloser Anblick von Baumleichen mit einem kahlen Waldboden darunter? Oder trifft der Leitspruch der Nationalparkverwaltung "Natur Natur sein lassen !" zu?

Mit zwei Kleinbussen reisten 16 Wittis dann am 17. Juni nach Neuschönau, einem kleinen beschaulichen Ort, direkt am Nationalpark gelegen. Vom Nachmittag bis in den frühen Abend erwanderten wir das nur ca. 1,5 KM entfernte Tierfreigehege des Nationalparkes. Das Freigehege ist ein Besuchermagnet und man kann sicherlich grundsätzlich geteilter Meinung sein, ob Tierhaltung in Gehegen, seien sie auch noch so naturnah und großzügig angelegt, sinnvoll ist. Ein wirksames Mittel zur Besucherlenkung ist dieses Gehege auf jeden Fall. Außerdem hat man hier auch Gelegenheit, Bewohner des Parkes zu sehen, die man ansonsten wohl nur mit viel Glück (und viel Zeit) in freier Natur beobachten kann (Luchs, Fischotter, Biber, Uhu, Auerhuhn etc.) oder Arten, die auch im NP Bayerischer Wald nicht mehr vorkommen, wie Wisent, Braunbär, Wolf.

Am nächsten Tag wurden wir im Hans-Eisenmann-Haus (Informationszentrum des Nationalparkes, benannt nach dem verstorbenen Staatsminister Eisenmann, der sich sehr für die Einrichtung des NP Bayerischer Wald eingesetzt hat) von Herrn Pöhlmann begrüsst. Er ist, wie viele Mitarbeiter der Parkverwaltung gelernter Förster, der aber inzwischen ausschließlich im Nationalparkmanagement und vor allem in der Öffentlichkeitsarbeit tätig ist. Einem Einführungsvortrag in die geschichtliche Entwicklung, Aufgaben und Ziele des NP Bayerischer Wald, unterstützt durch eine Tonbildschau, folgte die Möglichkeit zu einer ersten kurzen Diskussion über von uns gewünschte Themen. Danach stand eine Wanderung im Lusengebiet (Lusen ist mit 1373 m der zweithöchste Berg im NP) zum Thema der natürlichen Walderneuerung im Bergfichtenwald nach vorherigen großflächigen Borkenkäferbefall auf dem Programm.

Auf gut markierten Wandersteigen, tlw. auf Holzbohlen, gelangten wir in Waldgebiete, die in den letzten Jahren nach mehreren Stürmen und erhöhter Luftschadstoffbelastung ohnehin schon geschwächt waren. In jüngster Zeit, vermutlich auch als Folge der vorherigen Disposition, hat sich in diesen Bergfichtenwäldern eine sehr rasche Populationsdynamik der hier vorkommenden Borkenkäferarten vollzogen. Aus hiesigen Wirtschaftswäldern ist der Anblick solcher absterbenden oder schon abgestorbener Nadelbäume zwar bekannt, aber da diese Bäume im allgemeinen sehr schnell entnommen werden, um das Holz noch nutzen zu können, erscheinen die Auswirkungen der Borkenkäfer bei uns eher geringfügig zu sein.

Abgestorbene Fichten - auf den ersten Anblick erschreckend - können auch als Neubeginn betrachtet werden
(Foto: Mennekes, NABU)

Erfreulicherweise sieht die offizielle Naturschutzpolitik der Parkverwaltung so aus, dass in der Kernzone des NP keine Bekämpfungsmaßnahmen gegen den Borkenkäferbefall vorgenommen werden. Lediglich in der Randzone, zu benachbarten Waldflächen privater Eigentümer wird das befallene Holz eingeschlagen und entrindet. Diese Wälder sehen dann aber auch wieder aus wie viele gewöhnliche Wirtschaftswälder mit Kahlschlagsflächen, Brandstellen und Fahrspuren der Rückemaschinen. In dem Kerngebiet soll eine natürliche Walderneuerung ablaufen, ohne Eingriffe des Menschen. Tatsächlich sind hierfür mehr als nur erste Anzeichen zu sehen. Zwar sehen die Skelette der abgestorbenen Altfichten schon traurig aus, aber überall zeigt sich neues Grün. Neben Fichtensämlingen haben Laubbäume wie Buche, Ahorn oder Vogelbeere die Chance, eine neue Generation des Waldes zu bilden. Man darf davon ausgehen, dass diese "neuen" Wälder artenreicher und strukturierter sein werden, als die alten Bergfichtenwälder. Für uns sehr interessant war auch der Hinweis von Herrn Pöhlmann, dass die Altfichtenwälder keine Naturwälder waren. Auch in den Höhenlagen des Bayerischen Waldes hat der Holzhunger der Menschheit den Wald grundlegend verändert. Die früheren autochthonen Bergwälder aus Fichte, Tanne und Buche (in den Hochlagen fast nur Fichte) wurden durch menschliche Eingriffe stark verändert, insbesondere wurde für Aufforstungen oder Saaten keineswegs immer Saat- und Pflanzgut verwendet, das aus vergleichbaren Höhenlagen stammte. Man vermutet, dass diese, z.T. unangepassten Herkünfte der Fichten teilweise die Anfälligkeit gegen Stress durch Klimabedingungen und Insektenbefall bedingen.

Den Seelensteig erwanderten wir auf Holzbohlen
(Foto: Mennekes, NABU)

Um am Nachmittag zum Rachelgebiet zu gelangen stieg unsere Gruppe um in einen erdgasbetriebenen "Igelbus". Diese umweltverträglichen Pendelbusse fahren in kurzen Zeitabständen alle wichtigen Ausgangspunkte im Park an und man konnte damit deutlich den Individualverkehr im Park reduzieren, weil dadurch viele Strecken für private Fahrzeuge gesperrt werden konnten. Thema war hier der Begang des ca. 1,3 km langen Seelensteiges. Die Länge dieses Rundweges lässt schon erahnen, dass es hier nicht um ein Wanderleistungsabzeichen geht. Der Seelensteig verläuft größtenteils auf Holzbohlen in einem alten, naturnahen Bergmischwald, der seit mehr als 30 Jahren nicht mehr genutzt wurde und der ab 1983 von Windwürfen mit nachfolgend Borkenkäferbefall tiefgreifend verändert wurde. Der Seelensteig ist kein wissenschaftlich-trockener Lehrpfad, aber er gestattet Aus- und Einblicke auf das Leben und Sterben im Naturwald, wie sie eindringlicher kaum sonst in Deutschland noch möglich sind. Schöner als ausschweifende Beschreibungen erklärt ein Zitat von Erich Kästner den Sinn des Seelensteiges: "Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden und tauscht bei ihnen seine Seele um Die Wälder schweigen.. Doch sie sind nicht stumm. Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden".

Nach dem etwas verregneten Vormittag klarte es dann endlich auf und so hatte ein Teil der NABU Gruppe, nach der Verabschiedung von Herrn Pöhlmann, sich doch noch auf den Weg zum Lusengipfel begeben. Als Lohn für diese Spätnachmittagswanderung bot sich ein eindrucksvoller Rundblick über große Teile des NP Bayerischer Wald und des angrenzenden Tschechischen Nationalparkes Sumava.

Blick in den auf tschechischer Seite angrenzenden Nationalpark Sumava
(Foto: Mennekes, NABU)

Der Samstag galt dann auch einem Besuch des Nationalparkes Sumava. Beide Parkverwaltungen arbeiten mittlerweile eng miteinander und seit der allgemeinen Öffnung Osteuropas ist ein Besuch auch kein allzu großes Problem mehr. Von Finsterau am Ostrand des NP Bayerischer Wald gibt es mehrere Möglichkeiten, eine Tageswanderung zu gestalten. So lassen sich zum Beispiel Themen wie "Wald und Mensch" oder "Kulturlandschaft" über verschiedene Wanderwege erschließen. Zwischen Finsterau und Bucina gibt es einen für Fußgänger und Radfahrer geöffneten Grenzübergang (Personalausweis und für Hunde einen Impfpass zwingend erforderlich!) Auch wenn man damit natürlich nur einen winzigen Aspekt des 1991 gegründeten, über 69000 HA großen und zu über 90 % bewaldeteten Nationalparkes Sumava erschließen kann, ist dieser Ausflug lohnend.

Insbesondere ein Rundweg von 6,5 Kilometer Länge mit dem Titel "Landschaft im Wandel" gibt zweisprachige Informationen zur Geschichte dieses Landstriches und zur Zielsetzung des NP Sumava. Der Weg berührt eine Reihe einstiger Siedlungen und zeigt sehr anschaulich die natürliche Entwicklung nach Aufgabe menschlicher Besiedlung und Nutzung (die grenznahen Dörfer wurden Ende des Zeiten Weltkrieges weitgehend dem Erdboden gleichgemacht und die Bewohner zwangsumgesiedelt). Die teilweise noch sehr offenen Landschaftsteile (extensive Beweidung erfolgte bis heute) geben einen sehr schönen Kontrast zu dem ansonsten fast ausschließlich durch Wald geprägten Mittelgebirge. Der Rückweg führte uns entlang der ehemaligen Grenzbesfestigungen, die hier nicht direkt entlang der tatsächlichen Grenze zwischen Tschechien und Bayern verliefen, sondern etwas zurückversetzt. Heute muss man schon sehr genau hinsehen, um etwas von dem Verlauf der Zauntrasse zu erkennen. Überhaupt war diese Grenze nie so unmenschlich perfekt wie z.B. in Deutschland und nach der Änderung der politischen Gegebenheit sei dieser Zaun auch sehr schnell verschwunden gewesen. Wir waren überrascht, wie intensiv man in Tschechien den NP zur Erholung nutzt. Vor allem waren sehr viele Radfahrer unterwegs. Auch auf tschechischer Seite gibt es einen Busverkehr.

Ein "Wermutstropfen" war für uns allerdings die doch noch sehr intensive Forstwirtschaft, die auch in der Kernzone des NP Sumava weiterhin erfolgt. Nicht nur Borkenkäferholz wird hier überall noch ziemlich umfangreich aus dem Wald entnommen. Aber auch hier gibt es kritische Stimmen tschechischer Naturschützer, die weitergehende Nutzungsbeschränkungen fordern.

Urwald entwickelt sich in Jahrhunderten und bedarf der Geduld des Menschen
(Foto: Mennekes, NABU)

Am Sonntag bildete ein kurzer Blick in das Erweiterungsgebiet des NP Bayerischer Wald den Abschluss der Exkursion. Der "Urwald Mittelsteighütte" ist eines der ältesten Waldnaturschutzgebiete, in dem die Waldnutzung schon deutlich lange ruht. Dementsprechend beeindruckend sind dann auch die teilweise bizarren Baumformen und die Durchmesser der mehrere Jahrhunderte alten Bäume. Das Erweiterungsgebiet ist logischerweise noch deutlich von Land- und Forstwirtschaft geprägt, soll aber nach und nach auch auf den hohen Standard des "Alt-Nationalparkes" gebracht werden.

Gruppenbild während einer Führung
(Foto: Mennekes, NABU)

Fazit der NABU-Fahrt in den Bayerischen Wald: In der Bundesrepublik Deutschland tun wir uns mit echten Großschutzgebieten immer noch sehr schwer. Immerhin ist es der Bayerischen Landesregierung aber gelungen, wenigstens in der Kernzone des NP der natürlichen Entwicklung eine echte Chance zu geben. Die Erweiterung des NP stimmt auch hoffnungsvoll. Das dieses aber keine ausschließlich deutschen Probleme sind, zeigte der kurze Einblick in den angrenzenden Sumava NP. Neben den naturschutzfachlichen Erkenntnissen hatten alle zwei- und vierbeinigen Teilnehmer aber auch eine Menge Spaß.

Matthias Mennekes, NABU