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Die Schleiereule braucht den Menschen

Unter den 13 in Europa vorkommenden Eulenarten ist die Schleiereule in mancherlei Hinsicht eine herausragende Erscheinung. Schon äußerlich ist sie durch ihren einteiligen herzförmigen Gesichtsschleier von allen anderen Eulen unterschieden. Eine weitere Besonderheit ist ihre Kulturfolge: Schleiereulen wählen ihre Brutplätze praktisch ausschließlich innerhalb menschlicher Siedlungen, betont Thomas Müsse, der 2. Vorsitzende des NABU Siegen-Wittgenstein.

Unterm Kirchturmdach von St. Michael in Siegen war die Kinderstube dieser beiden Eulenkinder. Sie drücken sich aus Furcht vor dem Fotografen eng aneinander
(Foto: Werner Daus, NABU)

Die Vorfahren unserer heimischen Schleiereule stammen vermutlich aus den Tropen und ihr Erbteil bereitet unserer heimischen Eule noch immer Schwierigkeiten. Während ein Großteil der Tierarten unserer Breiten den Winter durch Anlegen einer Fettreserve für Notzeiten oder durch irgendeine Form der Winterruhe bewältigt, ist die Schleiereule hierzu nicht fähig. Sie kann kein Reservefett anlegen und ist bis heute eigentlich, wie es NABU-Experte Thomas Müsse formuliert, "nicht winterhart" geworden. Die daraus resultierende hohe Wintersterblichkeit hat bei den Schleiereulen unserer Heimat zu einer besonderen Anpassungsstrategie geführt, indem die hohen Winterverluste durch eine unglaublich große und variable Fortpflanzungsstrategie ausgeglichen werden. Schleiereulen haben die Strategie des „Gelegenheitsbrütens" wie keine andere beutegreifende Vogelart optimiert.

Schleiereulen nutzen zwar ein sehr breites Nahrungsangebot, haben aber ihren Brutrhythmus besonders auf die Bestandsschwankungen der Feldmaus eingestellt: In schlechten Mäusejahren werden nur wenige Junge aus kleinen Gelegen aufgezogen, in Jahren eines Massenvorkommens von Feldmäusen dagegen bis zu 12 und mehr Junge aus großen Gelegen. In guten Jahren kommt es regelmäßig zu Zweit-, zum Teil sogar zu Drittbruten. Dies ist dadurch möglich, dass die Schleiereule in punkto Fortpflanzungsbereitschaft den Rekord unter den Eulen und Greifvögeln hält: Ihre Brutbereitschaft erstreckt sich über mehr als sechs Monate.

Doch damit, dass Schleiereulen die größten Gelege unter den Eulen überhaupt zustande bringen und andererseits ihre Kräfte in Mangeljahren schonen können, ist die Liste dieses Anpassungsphänomens noch nicht erschöpft. So können bei Nahrungsüberschuss junge Schleiereulen sich gegenseitig füttern, was für die gerechte Verteilung des Futters durchaus von Bedeutung ist. Denn die Schleiereule fängt vom ersten Ei an zu brüten, so dass die Jungen im Abstand von mehreren Tagen nacheinander schlüpfen und so eine rechte "Orgelpfeifengesellschaft" bilden. Umgekehrt sterben bei plötzlichem Nahrungsmangel nicht alle Jungeulen, sondern die ältesten und stärksten haben auf Kosten der übrigen noch relativ gute Überlebenschancen.

Durch diese Strategie waren Schleiereulen in der Vergangenheit in der Lage, "Sterbewinter", in denen bis zu 90 Prozent der Bestände umkamen, innerhalb weniger Jahre wieder auszugleichen. Dass sie dennoch in ihrem Bestand in vielen Teilen Deutschlands so stark zurückgegangen sind, hängt in erster Linie mit dem Verlust an geeigneten Brutplätzen und ruhigen Tageseinständen zusammen. Die Schleiereule benötigt mindestens 6 m hoch liegende Einflugöffnungen in Gebäuden oder direkt in die hinter Mauern angebrachten Nistkästen. Kirchtürme, Scheunen und andere höhere Bauten werden gern genutzt.

Leider zeigt sich der drastische Bestandsrückgang sehr deutlich auch im Siegerland und in Wittgenstein. Jahrzehnte umfassende Bestandsmeldungen sind von NABU - Mitglied Artur Franz festgehalten worden und zeigen, dass die heimische Eule früher in so gut wie jedem Dorf, teilweise mehrfach, und auch mitten im Stadtgebiet Siegens anzutreffen war, doch heute ist ihre Erscheinung eine ausgesprochene Seltenheit. Zuletzt konnte eine erfolgreiche Brut in Trupbach 1994 festgestellt werden, davor 1979 im Kirchturm der St. Michaelskirche, direkt gegenüber dem Marienkrankenhaus. In der Wittgensteiner Region sind zuletzt einzelne Tiere vor einigen Jahren im Feudinger Raum gesehen worden.

Hier setzen daher für den NABU auch die wichtigsten Schutzmaßnahmen an: Die noch vorhandenen Brutplätze müssen unbedingt erhalten bleiben; verlorengegangene, aber auch völlig neue Brutplätze lassen sich, wie entsprechende Schutzmaßnahmen zeigen, erfolgreich durch das Angebot spezieller Nisthilfen schaffen. Zur Zeit werden umfangreiche Aktionen von NABU, Umweltabteilung der Stadt Siegen und einer schulischen Naturschutzgruppe zugunsten der Schleiereule durchgeführt.

asa, NABU