Wiesenvögel - Bestandserfassung im Kreisgebiet 2003Jürgen Sartor (Siegerland) und Thomas Müsse (Wittgenstein): Wiesenvögel auf dem Rückzug aus der Fläche Bestandserfassung der Wiesenvögel im Altkreis Siegen (Jürgen Sartor) Bestandserfassung der Wiesenvögel in Wittgenstein (Thomas Müsse) Jürgen Sartor (Siegerland) und Thomas Müsse (Wittgenstein): Wiesenvögel auf dem Rückzug aus der Fläche
Wiesenlandschaft mit großen Knöterichbeständen auf der Lipper Höhe
Bestandserfassung der Wiesenvögel im Altkreis Siegen (Jürgen Sartor) Nach ersten Kartierungen 1994 (Braunkehlchen), 1995 (Wiesenpieper, Bekassine und „nebenbei“ Braunkehlchen) und 1996 (Braunkehlchen, Wiesenpieper, Bekassine) sind 2003 NABU-Mitglieder losgezogen, um im gesamten Kreisgebiet erneut die Brutvorkommen der Wiesenvögel zu erfassen. Auftraggeber war die Biologische Station Rothaargebirge. Gründe, die eine erneute Kartierung rechtfertigen: - die landesweite Bedeutung der Brutpopulationen, insbesondere des Braunkehlchens - die Verpflichtung, in FFH- und Vogelschutzgebieten regelmäßig Bestandserfassungen durchzuführen, um evtl. auftretenden negativen Veränderungen entgegenwirken zu können - die Notwendigkeit von Effizienzkontrollen des Vertragsnaturschutzes (Mittelgebirgsprogramm, Kulturlandschaftsprogramm) - Argumentationshilfen zur Lösung naturschutzfachlicher Probleme, z. B. Flächeninanspruchnahme, Intensivierung der Bewirtschaftung oder deren Aufgabe, Schutzausweisungen ...
Ein Braunkehlchen (männl.), versteckt in üppig wuchernden Wiesenpflanzen. Lipper Höhe Ein herzliches Dankeschön den Mitarbeitern: Robert Berends, Gerhard Blankenstein, Manuel Graf, Volker Hartmann, Ralf Linke, Dr. Hartmut Müller, Alfred Raab, Thomas Rasche, Gerhard Sauer, Armin Schol und Klaus-Jürgen Volkmann. Tabelle 1 enthält die Ergebnisse aus dem Siegerland und die Vergleichszahlen früherer Erhebungen.
Tabelle 1
* wahrscheinlich nicht vollständig erfasst
Tabelle 2 zeigt die Verteilung der Brutreviere auf die noch verbliebenen Gebiete.
Tabelle 2
Einige Interpretationsansätze zu den Bestandsentwicklungen im Altkreis Siegen:
Bekassine
Die Bekassine Auch im Siegerland bestätigt sich der landesweite Trend. Die Verluste bei uns lassen sich nicht allein auf Biotopverschlechterungen bzw. –verluste zurückführen. Allerdings sind in fast allen ehemaligen Brutgebieten sumpfige Flächen mit niedriger oder lückiger Vegetation von hoch- und dichtwüchsigen Hochstaudengesellschaften „überwuchert“, was sich sehr wahrscheinlich nicht förderlich auswirkt.
Braunkehlchen Die immer noch – zumindest aus landesweiter Sicht – hohen Bestandszahlen erklären sich aus zwei gegenläufigen Tendenzen: Zum einen wurden (fast) alle Brutgebiete mit geringer Bestandsdichte aufgegeben; Abbildung 1 gibt einen traurigen Überblick. Zum anderen haben sich die Bestände in den Braunkehlchen-„Hochburgen“ Lippe und Wetterbachtal auf hohem Niveau stabilisiert (Lippe) oder zeigen sogar noch eine geringfügig steigende Tendenz (Wetterbachtal). Die Suche nach Gründen ist nicht immer ganz einfach: Negative Auswirkungen haben auf jeden Fall - Flächenverluste durch Bebauung, z. B. Weißbachtal, Ferndorftal, Siegtal... - Nutzungsintensivierungen, insbesondere Düngung und frühe Mahd, z. B. Würgendorf, Teile des Hellertals... - Aufgabe der Bewirtschaftung mit der Folge großflächiger Verbrachung und Verbuschung, z. B. Teile des Hellertals, Teile auf der Lipper Höhe, Teile im Weißtal... - Umstellung von Wiesen- auf Weidewirtschaft, z. B. Teile des Gilsbach- und Hellertales und der Gernsdorfer Weidekämpe - Anfälligkeit kleiner Populationen gegenüber natürlichen negativen Einflüssen, z. B. ungünstige Witterungsverhältnisse während der Brutzeit, Feinde... Der für das Braunkehlchen ideale Lebensraum zeigt ein Mosaik von extensiv genutzten feuchten Wiesen und Brachflächen in weitem offenem Gelände. (So konnte z. B. am Federsee durch entsprechende Bewirtschaftung bzw. Biotoppflege der Bestand verdoppelt werden. Selbst in den landesweit bedeutenden Braunkehlchengebieten Wetterbachtal und Lippe könnte der Lebensraum noch optimiert werden. Wir hoffen aber auch auf eine Wiederbesiedlung aufgegebener Gebiete, z. B. Hellertal, Weißbachtal, Siegtal, Gernsdorfer Weidekämpe, Ginsberger Heide. Auf jeden Fall sollten die Voraussetzungen dafür erhalten oder wieder neu geschaffen werden!!
Wiesenpieper Vom Wiesenpieper gibt es außer den größeren Vorkommen im Wetterbachtal und auf der Lipper Höhe weitere offensichtlich stabile Populationen: Gernsdorfer Weidekämpe, Ginsberger Heide und Gilsbachtal. Darüber hinaus konnten noch zahlreiche Einzelvorkommen festgestellt werden. Die Zukunft wird zeigen, ob sich zumindest daraus hier und da noch weitere Populationen entwickeln. Erstaunlich sind die neun Einzelvorkommen im Raum Siegen. Aus diesen Gebieten fehlen Nachweise bei den früheren Kartierungen. Verwunderlich ist das Fehlen in manchen „geeigneten“ Gebieten, z. B. Hellertal und Weißbachtal.
Naturnahes Wiesenareal im schönen Wetterbachtal
Hingewiesen sei noch auf die „nebenbei“ erfolgten Nachweise von: - Wachtelkönig: Wetterbachtal (4), Gernsdorfer Weidekämpe (2), Lützeln (1) - Schwarzkehlchen: Wetterbachtal (1), Lippe (1) - Raubwürger: Burbach (2) - Neuntöter: Burbach (mind. 60), Siegen (11), Netphen (4) - Wachtel: Lippe (1), Oberschelden (1).
[Eine sehr interessante Abbildung über Brutgebiete des Braunkehlchens, die nach 1987 aufgegeben wurden, kann aus technischen Gründen hier nicht abgebildet werden. Wen sie interessiert, kann sie in der zur Zeit herunterladbaren Zeitschrift „Natur und Umwelt in Siegen-Wittgenstein“ anschauen, wo sich die Bestandserfassung der Wiesenvögel ebenfalls findet. Webmaster]
Bestandserfassung der Wiesenvögel in Wittgenstein (Thomas Müsse)
Im Zeitraum von Mitte April bis Ende Juni 2003 wurden auch in Wittgenstein die Arten Bekassine, Braunkehlchen und Wiesenpieper im Rahmen von Werkverträgen (Auftraggeber war die Biologische Station Rothaargebirge) auf ihre Revierverteilung hin untersucht. Dabei dienten die Kartierungen von 1994, 1995 und 1996 als Anhaltspunkt. Neben Verf. kartierte Sabine Portig (Gemarkung Weidenhausen und Lützel) im Altkreis Wittgenstein.
Ein Braunkehlchen mit Nahrung im Schnabel auf einer Distel sitzend
Ergebnisse:
Bekassine:
Die Bekassine konnte während der gesamten Kartierungszeit nur einmal festgestellt werden. Am 11.04.03 rastete 1 Expl. zusammen mit einer Zwergschnepfe im Flachmoor bei Birkefehl (letztere rastete auch am 01.11.03 dort). Während der Brutzeit konnte die Art nicht festgestellt werden, es ist daher davon auszugehen, dass die Bekassine als Brutvogel in Wittgenstein ausgestorben ist. Die Ursachen für den (auch überregionalen) Rückgang sind nicht sicher auszumachen. A.Belz schreibt1983 zur Beschaffenheit der Brutplätzen der Bekassine: “Allen ist gemeinsam, dass sie in feuchten Wiesen mit nicht allzu hoher Vegetation liegen, die als Viehweiden genutzt werden. Kennzeichnend ist ein Wechsel von trockeneren Bulten (Neststandort) und nassen, oft durch Viehtritt entstandenen Stellen, in denen das Wasser bis zu 10 (20) cm hoch steht.“ Ehemalige Brutgebiete liegen heute jedoch oft brach und werden durch Hochstaudenfluren dominiert.
Tabelle 1: Bestandsentwicklung der Bekassine (BP) in Wittgenstein von 1980 bis 2003
* unvollständige Erfassung
Braunkehlchen
Im Gegensatz zum Siegerland gibt es in Wittgenstein (fast) keine stabilen Populationen des Braunkehlchens mehr. Wie aus Tabelle 2 zu ersehen ist, erfolgte fast überall ein mehr oder weniger großer Bestandseinbruch.Gegenüber 1994 sank der Brutbestand im Jahr 2003 auf nur noch 22 Paare, was einen Rückgang um etwa 65% bedeutet! Die Ursachen liegen wohl überwiegend in einer weiter intensivierten Grünlandnutzung, oftmals nicht mehr überlebensfähigen Kleinstpopulationen und evtl. in hohen Rabenvogelbeständen (welches für die Bereiche Wemlighausen, Birkelbachtal, Benfe und Weide vermutet wird). Letztere Vermutung bedarf jedoch einer genaueren Überprüfung, etwa im Rahmen einer Diplomarbeit. Die einzigste, heute wohl noch überlebensfähige Population befindet sich im Raum Weide, Oberndorf, Rückers- und Rüppershausen und umfasst insgesamt noch 9 Brutpaare. Hier, wie auch in anderen Gebieten, müssen jedoch Maßnahmen zur Optimierung der Lebensräume durchgeführt werden (Extensivierung der Bewirtschaftung, Entfernen von Bäumen und Büschen, Anlage von Brachflächen, Pflegen von Brachen, Einschlagen von Pfählen als Sitzwarten). Alle anderen Bestände sind aufgrund ihrer geringen Größe und ihrer Isolation wohl nur noch bedingt überlebensfähig.
Offenes Wiesenareal mit selten gewordenen Arnikabeständen. Solche Lebensräume benötigen unsere heimischen Wiesenbrüter
Tabelle 2: Bestandsentwicklung des Braunkehlchens (BP) in Wittgenstein von 1994 bis 2003
* unvollständige Erfassung
WiesenpieperIm Gegensatz zum Braunkehlchen scheint der Wiesenpieper mit der Intensivierung der Landbewirtschaftung etwas besser zurecht zu kommen. Es konnten 49 BP auf Grünlandflächen und 7 BP auf Kahlschlägen/Jungfichtenkulturen festgestellt werden. Oftmals decken sich die Brutgebiete mit denen der Braunkehlchen, es finden sich jedoch auch an unerwarteten Stellen durchaus noch Brutpaare. Des weiteren besiedelt er auch kurzfristig neue Lebensräume wie Kahlschläge und Jungfichtenbestände. Erstaunlich ist, dass der Wiesenpieper, trotz unveränderter Bewirtschaftung, auch noch die Lebensräume besiedelt, die vom Braunkehlchen verlassen wurden(Weide, Benfetal). Einzelvorkommen bei Raumland, Röspe, Leimstruth konnten nicht mehr bestätigt werden. Ansonsten kann keine grundlegende Tendenz festgestellt werden. Der Wiesenpieper ist durchaus in der Lage, neue Lebensräume schnell zu besiedeln, was beim Braunkehlchen wohl nicht der Fall ist. Somit wird der Wiesenpieper für die Zukunft die größten Überlebenschancen unter den heimischen Wiesenbrütern haben.
Tabelle 3: Bestandsentwicklung des Wiesenpiepers (BP) in Wittgenstein von 1995 bis 2003
* unvollständige Erfassung ** 4 Reviere befanden sich auf einem Kahlschlag, der an Grünland anschloss *** 1 Brutrevier in Jungfichten **** Brutreviere in Jungfichten |
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