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Der Wachtelkönig - das Phantom der Wiese

Der versteckt lebende, reichlich wachtelgroße Rallenvogel, im Volksmund auch als Wiesenralle oder Wiesenknarre bezeichnet, macht am ehesten durch seinen krächzenden Balzruf zwischen Mai und Juli auf sich aufmerksam. Bei Windstille kann jener sogar bis zu 1000 Meter weit tragen (Glutz von Blotzheim, M, Bauer & Bezzel 1994). Auch der lateinische Name Crex crex bezieht sich auf den Ruf des Wachtelkönigs. Er klingt wie ein Holzkamm, den man an einem trockenen Stück Holz entlang zieht. Vergleichsweise wenigen Naturfreunden war es bisher vergönnt, dem Wachtelkönig in heimischen Gefilden zu begegnen.

Nur selten bekommt man den sehr heimlich lebenden Wachtelkönig zu Gesicht. Eher verrät er sich durch seine krächzenden Balzrufe.
Benfe, Juli 1998

(Foto: Michael Frede, NABU)

Im Gegensatz zu seinen Verwandten, die höhere Wasserstände in ihren Lebensräumen benötigen, besiedelt die Art Wiesen mit Langgräsern, v.a. ungedüngtes Feuchtgrünland und regelmäßig gemähte Wiesen in Feuchtgebieten. Darüber hinaus sucht er auch Bergwiesen und Bergweiden sowie Brachen auf, in denen die Vegetation nicht zu stark verdichtet ist. Eingestreute Büsche, Hecken oder Röhrichtränder werden gern als Singplätze genutzt. Der Wachtelkönig kann auch gedüngte Wiesen besiedeln, sofern sie nicht drainiert sind. Bruterfolge stellen sich auf solchen Flächen jedoch selten ein. Die Art kann somit als Kulturfolger eingestuft werden, da sie heute vorwiegend in offenem, extensiv genutztem Wiesen- und Brachland vorkommt.

Die landwirtschaftliche Intensivierung hat in großen Teilen Europas dazu beigetragen, dass die Art seit Ende des 19. Jahrhunderts immer seltener wurde. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Faktor im Zusammenhang mit dem starken Bestandseinbruch ist die Jagd während des Vogelzugs. Allein in Ägypten wurden 1994 14.000 Wachtelkönige auf ihrem Weg in die afrikanischen Winterquartiere gefangen (Taylor & V. Perlo 1998)! In Ländern wie Luxemburg, den Niederlanden und Belgien sind die Bestände bereits auf 10% der ehemaligen Bestandsgröße zurückgegangen (Bauer & Berthold 1996). In den Roten Listen der Bundesrepublik (1996) und Nordrhein-Westfalens (1996) wird die Art gegenwärtig als vom Aussterben bedroht (1) eingestuft (GRO & WOG 1997).

Extensiv genutzte Grünlandbereiche mit eingestreuten Brachen, wie südlich der Ortschaft Burbach-Lippe, sind bevorzugte Aufenthaltsorte des Wachtelkönigs.
Burbach-Lippe, Juni 1999

(Foto: Michael Frede, NABU)

Auf einem Workshop in Hilpoldsheim stufte man 1998 den Bestand für Deutschland mit 1200 bis 3000 rufenden Männchen ein. Der Großteil des Weltbestandes (1.700.000 bis 3.000.000 rufende Männchen) (schäfer, mammen & schäffer 1999) lebt gegenwärtig in Russland bzw. Weißrussland (100.000 bis 200.000 Brutpaare) und der Ukraine (75.000 bis 178.000 Brutpaare) (Hagemeijer & Blaird 1997).

Seit den letzten Jahren häufen sich in einigen Regionen Deutschlands, so auch in Nordrhein-Westfalen, wieder Wachtelkönigmeldungen (1990 bis 1995 60 bis 110 rufende Männchen (Gro & Wog 1997)). Für dieses Phänomen kommen mehrere Ursachen in Frage:

  • lebensraumverbessernden Maßnahmen wie landwirtschaftliche Extensivierungsprogramme (z.B. Feuchtwiesenprogramm und Kulturlandschaftsprogramm) und Flächenstillegung,
  • Zuzügler, die ihre angestammten Brutgebiete aufgrund von Überschwemmungen, Dürren, landwirtschaftlicher Intensivierung oder anderweitiger antropogener Zerstörung des Lebensraumes räumen mussten,
  • Männchen, die ein zweites Mal an anderer Stelle balzen, nachdem das Weibchen sein Gelege vervollständigt hat. Ein Hinweis auf die beiden letzteren Vermutungen sind Männchen, welche erst ab Ende Juni verhört werden. Normalerweise verpaaren sich die Männchen nämlich bereits im Mai und beenden dann recht bald ihren Balzgesang.

Auch im Kreis Siegen-Wittgenstein wurden 1997 bis 1999 nach vielen Jahren wieder Wachtelkönige in den Gemeinden Burbach (3-4 Expl.), Siegen (1-2 Expl.), Erndtebrück (2 Expl.) und Bad Laasphe (1 Expl.) entdeckt. Woher diese Vögel stammen, kann ebenfalls nur vermutet werden. Auch ziemlich aktuell wurde am 3. Mai 2001 ein durch eine Katze verletzter Wachtelkönig von Britta und Ralf Schmidt in ihrem Garten in Kreuztal-Kredenbach aufgegriffen. Leider entwischte der Vogel, nachdem er einige Tage aufgepäppelt worden war, in die Freiheit, die er hoffentlich, trotz seiner Verletzung auch gegenwärtig noch genießen kann.

Wenn auch der Großteil dieser Wachtelkönige erst in der zweiten Junihälfte verhört wurde (s.o.), dürften folgende Beobachtungen aus Tschechien und der Slowakei interessant sein:

Dort wurde nachgewiesen, dass sich ein Großteil der Wachtelkönigbestände in höhere Regionen zurückgezogen hat. In diesen Gebieten setzt die Vegetationszeit später ein und demzufolge auch die Mahd (Hagemeijer & Blaird 1997). Könnte sich in einigen Regionen des Kreises Siegen-Wittgenstein dasselbe Phänomen entwickeln bzw. entwickelt haben? Die Voraussetzungen sind jedenfalls gegeben: die Vegetationszeit beginnt in den höheren Lagen etwa ab 500 m ü.NN bis zu 4 Wochen später als in benachbarten flacheren Regionen. Eine Wiesenmahd ist deshalb oft erst ab Anfang Juli möglich. Bedenken wir außerdem, dass noch viele, z.T. ausgedehnte Brachekomplexe im Kreisgebiet existieren, so sind weitere Wachtelkönigvorkommen nicht ausgeschlossen.

Aus diesem Grund sollte in diesem und in den kommenden Jahren der Versuch unternommen werden, systematischer nach Wachtelkönigen in Siegen-Wittgenstein zu suchen.

Der Landesbund für Vogelschutz hatte bereits für die Jahre 1998 bis 2000 zu einer standardisierten Erfassung der Vorkommen in Deutschland aufgefordert. Die Ergebnisse werden wahrscheinlich in nächster Zeit veröffentlicht. Hierfür wurde auch ein Erfassungsbogen erstellt, der z.B. über die LÖBF oder die Biologische Station Rothaargebirge, z.H. M. Frede, Hauptmühle 5, 57339 Erndtebrück angefordert werden konnte bzw. werden kann.

Auch wenn die Kartierungsfrist für das Bundesvorhaben bereits abgelaufen ist, so sollten zukünftige Beobachtungen selbstverständlich so schnell, wie möglich an

Michael Frede
Biologische Station Rothaargebirge
Hauptmühle 5
57339 Erndtebrück
Tel.: 02753/598-330
FAX: 02753/598-332
e-mail: s.o.

gemeldet werden, damit durch die Biologische Station ggf. Schutzmaßnahmen in Form von Verschiebungen der Mahdtermine etc. eingeleitet werden können.
Folgende Details sind bei der Suche nach dem Wachtelkönig zu beachten: Es handelt sich um eine von 24 europäischen Vogelarten, die nicht nur in Deutschland, sondern auch global bedroht ist. Das bedeutet, eine Störung der Tiere z.B. in Form von Anlocken mit Tonbandgerät oder Nestsuche darf deshalb nur in begründeten Ausnahmefällen durch amtlich beauftragte Fachleute erfolgen! Wachtelkönigmännchen lassen sich ohne Probleme von den Wirtschaftswegen aus verhören. Der Beobachtungszeitraum erstreckt sich von Anfang Mai bis Mitte Juli Die höchste Rufaktivität insbesondere der noch unverpaarten Männchen ist zwischen 0.00 und 3.00 Uhr MESZ Die Beobachtungen sollten punktgenau in eine Kartenkopie eingetragen werden Auch Negativkontrollen aus ehemals besetzten Gebieten sind von Interesse. Viel Erfolg bei der Suche nach dem Phantom der Wiese!

Michael Frede , NABU

Literatur:
BAUER, H.-G. & P. BERTHOLD (1996): Die Brutvögel Mitteleuropas - Bestand und Gefährdung. Wiesbaden. GLUTZ VON BLOTZHEIM, U. N., K. M. BAUER & E. BEZZEL (1994): Handbuch der Vögel Mitteleuropas - Band 5 Galliformes und Gruiformes. 2. Aufl. Wiesbaden. GLUTZ VON BLOTZHEIM, U. N., K. M. BAUER & E. BEZZEL (1991): Der Wachtelkönig. Die Vogelwelt, Sonderheft. 112: 116 SS. DEUTSCHER DACHVERBAND AVIFAUNISTEN (DDA) (HRSG.) (1997): Themenheft Wachtelkönig - Beiträge zur Biologie und zum Schutz des Wachtelkönigs. Die Vogelwelt. 118: 113-256. GRO & WOG (1997): Rote Liste der gefährdeten Vogelarten Nordrhein-Westfalens. Charadrius 33: 69-116. HAGEMEIJER, W. J. M. & M. J. BLAIR (HRSG) (1997): The EBCC Atlas of European Breeding Birds - Their distribution and abundance. London. SCHÄFER, N., U. MAMMEN & A. SCHÄFFER (1999): Der Wachtelkönig - Biologie, Gefährdung, Schutz. Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V. (Hrsg.). Hilpoltsheim TAYLOR, B. & B. V. PERLO (1998): Rails - A Guide to the Rails, Crakes, Gallinules and Coots of the World. Sussex.