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Großbiomasseheizkraftwerk verändert unseren Wald
Im Industriepark Wittgenstein bei Erndtebrück-Schameder entsteht zurzeit als Pilotprojekt für NRW ein Biomasseheizkraftwerk der RWE. Es soll schon im Herbst dieses Jahres fertig gestellt sein. Diesem Kraftwerk soll später ein Holzbrikettierwerk angeschlossen werden. Hierfür wird ein jährlicher Holzbedarf von 110.000 Tonnen jährlich veranschlagt, für das BMKW werden jährlich ca. 80.000 Tonnen Holz benötigt.
Ein BMKW in einem der waldreichsten Kreise Deutschlands zu bauen, das Bruchholz und bisher nicht genutztes Restholz des Waldes verwertet, ist eine durchaus sinnvolle Idee. Holz ist ein nachwachsender Rohstoff und die CO2- Bilanz wäre neutral. Es ist die Dimension des Kraftwerks, die uns Sorgen macht. Um wirtschaftlich rentabel zu arbeiten, müsse ein solches Kraftwerk eine bestimmte Größe haben, wird gesagt. Es werden also gigantische Mengen an Biomasse benötigt, um das BMKW zu betreiben.
Der NABU und auch die anderen Naturschutzverbände befürchten, dass die Suche nach Biomasse dazu führt, dass unsere Wälder komplett ausgeräumt werden. Alle Blätter, Nadeln , alles Astwerk, Kronen, Totholz, Baumstümpfe und Wurzelwerk, der sogenannte Schlagabraum, der bislang im Wald verblieb, nun systematisch aus dem Wald geräumt wird. Gerade Totholz ist ein gutes Beispiel, um die Abhängigkeit der Arten und deren Vielfalt darzustellen. In Totholz leben ca. 500 Pilz-und 1000 Käferarten, die Nahrungsquelle für z.B. viele Vögel sind. Spechte finden in Totholz nicht nur Nahrung, sie bauen dort auch ihre Höhlen, die in der Folge von vielen Tieren, z.B. der Hohltaube, unseren heimischen Eulen und auch Fledermäusen genutzt werden. Alleine die Fledermäuse vertilgen jährlich zig-tausende Schadinsekten. Wird das Totholz komplett dem Wald entnommen, fällt für viele Arten die Nahrungs- und Lebensgrundlage weg; Artenschwund ist die Folge.
In einem qm Waldboden leben ungefähr so viele Lebewesen wie es Menschen auf der Erde gibt ( 6 Milliarden). Pilze, Bakterien, Einzeller, Faden- und Regenwürmer, Asseln, Springschwänze, und natürlich deren Jäger, Käfer und Spinnen, die wiederum die Nahrungsgrundlage für Vögel und andere Lebewesen sind. Diese Milliarden Mikroorganismen zersetzen die abgestorbene Biomasse bis hin zu den Mineralstoffen, die dann wiederum die Grundlage des Wachstums für neue Bäume bilden.
Wird all das Biomaterial, das bis dato im Wald verblieb, jetzt herausgenommen, bleibt diesen Lebewesen keine Nahrung mehr und führt letztlich durch den Verlust der Mineralstoffe zur Verarmung des Bodens, auf dem dann auch kein Wald mehr wachsen kann und es fehlt damit auch die Nahrungsgrundlage für höherwertige Flora und Fauna.
Der Prozess des Ausräumens ist nur dann wirtschaftlich sinnvoll, wenn große, schwere Maschinen eingesetzt werden. Diese verdichten aber den Boden extrem stark und zerstören das Leben im Waldboden. Wir wissen alle, dass ein Gärtner seinen Nutzgarten vor der Aussaat oder Pflanzung umgräbt, um den Boden zu lockern. Keiner käme auf die Idee, seinen Nutzgarten mit einer Dampfwalze vor der Saat aufzubereiten. Einen solchen Dampfwalzeneffekt hat man aber beim Einsatz derartiger Maschinen. In einem solch verdichteten Boden wird das Leben buchstäblich plattgewalzt.
Neuerdings werden sogenannte Woodcracker eingesetzt, die in der Lage sind, auch die Baumstümpfe aus dem Boden zu reißen. Gerade in unserer Mittelgebirgslandschaft kann dies dazu führen, dass dem Boden der Halt genommen und bei starken Regenfällen wertvoller Humus weggeschwemmt wird. Durch Verdichtung und Wegspülen verliert der Waldboden seine Wasserspeicherfunktion.
Die Entnahme von Biomasse aus dem Wald ist bis zu einem bestimmten Grad durchaus möglich. Es darf aber nicht dazu führen, dass ausschließlich wirtschaftliche Gesichtspunkte, kurzfristiges maximales Gewinnstreben einiger weniger, diesen Grad bestimmen. Systematisches Ausräumen unserer Wälder schädigt den Waldboden durch Übernutzung und Ausbeutung langfristig und dieser Waldboden soll ja eigentlich auch noch unseren Kindern und Enkeln eine Existenzgrundlage gewährleisten.
Das Kraftwerk ist so groß geplant worden, dass man Zweifel hegen muss, ob unsere Waldwirtschaft überhaupt die notwendige Menge Restholz anliefern kann. Daher kündigte die RWE schon an, das geplant sei, Energiewälder anzulegen. Wie man erfahren konnte, sind schon Grünflächen in unserem Kreis dafür angepachtet worden. Auch in Brandenburg sollen solche Energiewälder entstehen, um die Hölzer dann nach Wittgenstein zu transportieren.
Auf den 1. Blick kann man Energiewälder positiv sehen, denn hier gibt es nachwachsenden Rohstoff, der sich CO2-neutral in Energie verwandeln lässt. Aber auch hier gilt, dass optimales, rentables, weil kostengünstig produziertes Energieholz große ökologische Probleme hervorruft. Optimaler Output an Energieholz wird nur erreicht, wenn möglichst kostengünstig angebaut werden kann. Man benötigt große ebene Flächen, mehrere 1000 ha guten Boden, auf den man Stecklinge von Weiden und Pappeln setzt. Diese müssen ihr Wurzelwerk erst noch bilden und wachsen nur dann optimal, wenn Begleitgrün ihr Wachstum nicht stört. Damit ist der Einsatz von Gift vorprogrammiert. Gift, das das Leben im Boden zerstört, Gift, das bis ins Grundwasser gelangt und unser Trinkwasser gefährdet. Meist werden diese Wälder auch durch hohe Zäune abgesperrt, um Wildverbiss zu verhindern. Schon nach 4-5 Jahren kann man maschinell die Bäumchen ernten. Ein artenreiches Leben wird sich hier nicht einstellen können.
Energiewälder wirtschaftlich optimal zu nutzen, bedeutet industriellen Anbau von Energieholzplantagen, ähnlich den riesigen Maismonokulturen. Sollten all diese Maßnahmen den gewaltigen Hunger des Heizkraftwerks nicht stillen können, gibt es für die RWE noch eine andere Option. Rechtlich ist es relativ einfach, eine Genehmigung zu erhalten, auch vorbelastete Althölzer in solchen Anlagen zu verbrennen. Unsere Politiker haben uns hoch und heilig versprochen, dass nur naturbelassenes Frischholz verbrannt werden soll. Allerdings gibt es schon einige Beispiele in Deutschland, wo solche Versprechen schnell vergessen wurden und als reine BMKW angekündigte Anlagen heute quasi als Müllverbrennungsanlagen auch schadstoffhaltige Hölzer verbrennen.
Leider muss man feststellen, dass wiederum das Streben nach maximalem Profit einen vernünftigen Ausgleich zwischen Ökologie und Ökonomie bei der Nutzung von Holz als Biomasse nicht zulässt. Unsere heimischen Politiker sind so stolz darauf, es geschafft zu haben, dass sich hier ein Kraftwerk ansiedelt. Sie sind fest davon überzeugt, viel für Natur und Umwelt getan zu haben. Durch diese große Anlage wird allerdings unser Wald ausgeräumt, die Artenvielfalt zerstört, die Böden verdichtet und die Mineralien für den zukünftigen Wald entzogen. Dafür bekommen wir sterile Energiewälder mit viel Gift und weite Holztransporte auf der Straße. Die Forderung nach einer neuen Fernstraße durch unseren Kreis wird dadurch verständlicher. Unsere heimatliche Umwelt und Natur wird sich schon bald negativ verändern.
Helga Düben, 2/2009
Infobox: Im Kreis SiWi gibt es ca. 85.000 ha Wald mit jährlichem Holzzuwachs von ca. 6 Festmetern pro ha, wovon dann ca. 4-5 Festmeter als Holzeinschlag genutzt werden. Es wachsen jährlich ca. 500.000 Festmeter nach, von denen 340.000 Festmeter genutzt werden. Das Meiste ist Schneideholz, etwa 20 % Industrieholz. Etwa 50.000 Festmeter verblieben bisher als Biomasse im Wald.
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