Von A(pokalypse) bis Z(unftsvisionen) oder
von Ortsumgehungen bis zur neuen Bundesfernstraße
Die Diskussion um Ortsumgehungen, wie der FELS (Ferndorf-Eder-Lahn-Straße), der neuen Bundesfernstraße oder der A4 light hat im Jahre 2009 viele Menschen bewegt.
Auf der einen Seite die Politik, die sich überwiegend für eine neue Straße von Kreuztal bis nach Hattenbach ausgesprochen hat, auf der anderen Seite Bürger und Naturschutzorganisationen, die eine solche Straße nicht wollen und deshalb ein länderübergreifendes Netzwerk gebildet haben (*1).
Oft schlugen die Emotionen hoch. Dies wird auch dadurch verstärkt, dass verschiedene Ebenen und daraus resultierende Entscheidungen durcheinandergeworfen oder verquickt werden.
Für das Nordrhein-Westfälische Gebiet des nordöstlichen Kreises Siegen-Wittgenstein wurden im Bundesfernstraßenbedarfsplan (BPL) auf der Grundlage des Bundesverkehrswegeplans (BVWG) sechs zweispurige Ortsumgehungen in den Vordringlichen Bedarf aufgenommen. Damit hat der Landesbetrieb Straßen für die entsprechenden Strecken einen Planungsauftrag erhalten.
Die Rede ist von den folgenden Strecken:
B 508 Südumgehung Kreuztal-Buschhütten bis Ferndorf;
B 508 OU (Ortsumgehung) Ferndorf bis Allenbacher/ Herzhäuser Höhe;
B 62 OU Bad Laasphe;
sowie die Vorhaben mit besonderem naturschutzfachlichem Planungsauftrag:
B 508 OU Hilchenbach Süd;
B 62 OU Hilchenbach–Grund – Altenteich mit OU Lützel;
B 62 OU Erndtebrück-Schameder.
Alle zusammen werden auch als Ferndorf-Eder-Lahn-Straße ( FELS) bezeichnet.
In Hessen steht eine vierspurige Bundesautobahn A 4 von Hattenbach im Osten bis zur Landesgrenze NRW bei Beddelhausen im sogenannten Weiteren Bedarf des BPL. Hierfür liegt aber kein Planungsauftrag vor und es wurde vermerkt, dass das neue Vorhaben mit einem festgestellten hohen ökologischen Risiko einhergeht.
Die Strecke zwischen hessischer Landesgrenze und Erndtebrück ist nicht im Bundesfernstraßenbedarfsplan BPL enthalten. Es gibt deshalb auch keinen gesetzlichen Planungsauftrag für eine durchgehende Bundesfernstraße von Hattenbach bis Kreuztal.
Voraussetzung dafür ist nämlich eine Aufnahme in den vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans, dessen nächste Fortschreibung voraussichtlich nicht vor 2014/2015 zu erwarten ist.
Es laufen jedoch schon seit längerer Zeit politische Bemühungen, die Fernstraßenverbindung in die nächste Überprüfung des Bundesfernstraßenbedarfsplans hineinzubekommen, der bis 2010 überarbeitet werden soll.
Dazu müsste nach dem Bundesfernstraßenausbaugesetz das Fernstraßenprojekt als herausgehobene Straßenbaumaßnahme von besonderer Bedeutung anerkannt werden.
Deshalb und wegen der Inkonsistenz des Planungsrechtes zwischen Ost und West (auf der einen Seite der „Weiterer Bedarf“ in Hessen, auf der anderen Seite kein Planungsrecht von der Landesgrenze zwischen Hessen und NRW bis nach Erndtebrück und den Ortumgehungen mit Planungsrecht im Westen) wurde eine Machbarkeitsstudie vom Land Hessen in Auftrag gegeben. Dies geschah in Abstimmung mit dem Land NRW, dem Kreis Siegen-Wittgenstein und dem Bundesverkehrsministerium. In der Machbarkeitsstudie, veröffentlicht im Jahre 2007, wurden mehrere Korridore in Bezug auf Fernstraßeneignung überprüft. Letztendlich wurde festgestellt, dass der überwiegende Teil des untersuchten Raumes umweltfachlich bedeutungsvoll ist und in vielen Bereichen hohe Raumwiderstände zu verzeichnen sind.
Der auf Grundlage der Machbarkeitsstudie favorisierte Korridor verläuft im Westen auf den Teilstücken der bislang dort geplanten, oben aufgeführten und im BVWP mit vordringlichem Bedarf ausgewiesenen Ortsumgehungen (FELS) (südliche Korridor Kreuztal bis Erndtebrück); hier nutzt er nicht nur den Verlauf der in Planung befindlichen Ortsumgehungen, sondern auch den fortgeschrittenen Planungsstand derselben. Erst nach Veröffentlichung der Machbarkeitsstudie war erkennbar, dass diese Einzelstrecken als Teil einer zusammenhängenden, kreuzungsfreien, mehrspurigen Fernstraße angedacht sind.
Also nicht nur zweispurig und nicht unbedingt den Bedürfnissen einer reinen Ortsumgehung angepasst.
Von Erndtebrück Richtung Osten nach Hattenbach schwenkt die Straße in den nördlichen Korridor.
Die Straße selbst firmiert nicht unter der Bezeichnung Autobahn, sondern als 3-4-spurige reine Autostraße mit wenigen, kreuzungsfreien Anschlüssen, die vorrangig dem Fernverkehr dienen sollen. Siehe dazu auch die Broschüre: Entwicklungsachse Ost-West (*2).
Die Machbarkeitsstudie selbst war Ausgangspunkt für weitere Prüfungen (z.B. Verkehrsuntersuchungen). Obwohl kein Planungsauftrag vorgelegen hat, wurde eine verkehrswirtschaftliche Studie und eine Umweltverträglichkeitsstudie für den Bereich zwischen Erndtebrück und Hattenbach in Auftrag gegeben, denen eine Trasse zugrunde liegt, die jeweils nur 3 km zu jeder Seite an Abweichungen zulässt. Allein die Umweltverträglichkeitsstudie kostet mehr als 1 Million Euro.
Verkehrsentwicklung:
Während bei den Planungen der Ortsumgehungen (FELS) (*3), in die auch Bad Laasphe miteinbezogen war, von einem täglichen Verkehr von 16.600 Kfz pro Tag in Bad Laasphe
von 19.100 Kfz pro Tag in Erndtebrück
und von 30.100 Kfz pro Tag in Kreuztal ausgegangen wurde, geht die Machbarkeitsstudie (*4) für den Süd/Nord-Korridor im Westen (Kreuztal) bei 3-spuriger Straße von bis zu 38.000 Kfz täglich
bei 4-spuriger Straße von bis zu 55.ooo Kfz täglich
und für Wittgenstein (Erndtebrück) bei 3-spuriger Straße von bis zu 28.000 Kfz täglich,
bei 4-spuriger Straße von bis zu 35.000 Kfz täglich aus.
Zum Vergleich: ganz Wittgenstein hat nur ca. 42.000 Einwohner.
Die neue Bundesfernstraße von Kreuztal nach Hattenbach dient somit offensichtlich nicht vordringlich der besseren Verkehrsanbindung Wittgensteins an den Siegener Raum, wie gerne von der Politik behauptet wird; sie wird eindeutig eine neue Ost-West-Transitverkehrsachse werden. Salopp ausgedrückt: von Paris nach Warschau über Ruckersfeld und Beddelhausen.
Stichpunkt: Entwicklungsachse. Es ist geplant, entlang dieser Fernstraße Industriegebiete auszuweisen (*5). Auch dies würde den Naturraum zusätzlich belasten.
Die neue Fernstraße bedeutet zusätzlichen Fernverkehr. Unsere Region wird zum Transitland. Dafür wird es gravierende Eingriffe in den Naturhaushalt und das Landschaftsbild unserer Heimat geben. Einer der letzten großen unzerschnittenen Naturräume in NRW, der auch Grundlage für den Wandertourismus als Wirtschaftsfaktor für unsere Heimat ist, wird unwiederbringlich zerschnitten werden. Davon ist eine Vielzahl der z.Z. europaweit geschützten Tier- und Pflanzenarten betroffen. Auch das Landschaftsbild unseres Mittelgebirgsraums wird sich durch notwendige Brückenbauwerke, Erdbewegungen und Tunnel einschneidend verändern.
Die positiven Auswirkungen einer neuen Bundesfernstraße in Ost-West-Richtung auf den Wirtschaftsraum Nordhessen und Siegerland bleiben unklar. Vergleichbare Planungen zeigen z.B. eher massive Kaufkraftabflüsse.
Die Politik versucht den Bürgern Wittgensteins die Straße dadurch schmackhaft zu machen, in dem sie uns eine schnelle, bequeme Verkehrsanbindung ins Siegerland verspricht.
Nach dem derzeitigen Planungsstand kann aber eine solche Straße voraussichtlich erst 2025 fertiggestellt werden, also frühestens in 15 Jahren.
Dagegen gibt es allerdings Alternativen zur besseren verkehrlichen Anbindung Wittgensteins, die in kürzester Zeit umsetzbar und machbar wären, wie der Ausbau der bestehenden Straßen durch Zusatzstreifen, Überholmöglichkeiten, Beseitigung von Bahnübergängen etc.
Maßnahmen, die man schon vor fast 30 Jahren hätte angehen können. Manchmal kann man den Eindruck haben, dass die schnelle Verbesserung der verkehrlichen Anbindung Wittgensteins von der Politik extra verhindert worden ist, um den Traum eines Autobahnbaus nicht zu zerstören.
Nach einer Studie des Instituts für Verkehrswissenschaft der Uni Münster liegt die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit in NRW bei 31,6 km/h. Ursachen sind u.a. Stauhäufigkeit, schlechter Straßenzustand u.ä.; es wird ein Verkehrskollaps vorhergesagt.
Für die Industrie- und Handelskammern Südwestfalens ist NRW das Haupttransitland Deutschlands. Sie prognostizieren, dass der Straßengüterverkehr bis 2025 um 79 % wachsen wird und fordern daher unbedingt neue Straßen (*6).
Wie können unsere Wirtschaftsführer, die ja Kompetenz und Weitsicht in Wirtschaftsfragen für sich in Anspruch nehmen, davon ausgehen, dass in nur 15 Jahren soviel neue Straßen gebaut werden, damit der LKW- Verkehr um 79 % zunehmen kann? Schon jetzt hat Deutschland das dichteste Verkehrsnetz Europas.
Vielleicht kann der Verkehrskollaps mit 6 oder 8 Spuren hinausgezögert werden. Dies führt allerdings direkt in einen Umweltkollaps hinein, und das vor dem Hintergrund der Klimakatastrophe in unserer Welt.
Auch steht fest, dass die öffentlichen Kassen leer sind. Es ist im Übrigen durchaus denkbar, dass auch Wittgensteiner bei der Nutzung der neuen Fernstraße Maut bezahlen müssen.
Der Verkehrskollaps, den die Wirtschaft befürchtet, lässt sich auf der Straße nicht mehr verhindern. Deutschland ist Transitland, dessen Verkehrsadern längst verstopft sind. Durch Anlegen von weiteren Bypässen wird eine solche Krankheit nicht kuriert.
Es wird Zeit, dass endlich unsere hochbezahlten Wirtschaftsleute und die Politik hinsichtlich der zukünftigen Verkehrsbewältigung unbedingt neue Wege gehen müssen:
Vorrang der Schiene vor der Straße, keine Just-in-Time-Lieferung mehr für die Wirtschaft; Einstellen der Nutzung der Verkehrswege als rollender Lagerplatz für die Wirtschaft, Zentrierung von Produktionsabläufen ohne zusätzlichen Transport, etc.
Es ist schon erschreckend, wenn die Verantwortlichen unseres Staates einerseits vom Klimaschutz, von dem Eindämmen des immensen Flächenverbrauchs, dem notwendigen Artenschutz und dem Einsatz für die Biodiversität erzählen und sehenden Auges schon für den überschaubaren Zeitraum von ca. 20 Jahren in einen Verkehrs- und Umweltkollaps steuern.
Helga Düben, 1/2010
Quellen:
(*1) www. a4-nein.de
(*2) Entwicklungsachse Kreuztal-Hattenbach (2009):Die Chance für die Region Südwestfalen-Nordhessen
(*3) Regionale Verkehrsuntersuchung zur B 508/B62 Bereich Kreuztal – Landesgrenze zu Hessen im März 2006; Ingenieurgruppe IVV
(*4)Planungsbüro Drecker (2007): Machbarkeitsstudie für eine Bundesfernstraße zwischen Krombach (NRW) und dem Hattenbacher Dreieck (Hessen) – unter Berücksichtigung der FFH-Gebiete und der EU-Vogelschutzgebiete
(*5) Bericht Siegener Zeitung, 2.10.2009: Jetzt geht es richtig los
(*6) IHK Wirtschaftsreport Siegen-Olpe-Wittgenstein, 10/2009