Die Mistel - sagenumwobene Zauberpflanze

    Kahle Bäume, gedeckte Farben - das sind die Zeichen des Winters. Jetzt reifende Früchte und sattes Grün zu entdecken ist eine willkommene Überraschung. Gustav Rinder vom NABU (Naturschutzbund) Siegen-Wittgenstein rät beim Winterspaziergang besonders auf Pappeln, Apfel-, Birn- oder Kirschbäume zu achten. Mit etwas Glück könne man vielleicht auf den entlaubten Ästen kugelige, grüne Büsche entdecken - Misteln. Zwar gibt es unter den drei heimischen Mistelarten auch zwei Nadelbaumspezialisten, bekannter und häufiger ist aber die Laubholz-Mistel.

    Die Früchte der Mistel reifen im Winter
    (Foto: www.botanikus.de.)

    Diese immergrüne Pflanze mit den lanzettlichen, ledrigen Blätter ist ein sogenannter Halbschmarotzer. Sie wächst in luftiger Höhe auf Bäumen, denen sie über Senkwurzeln Nährstoffe und Wasser entnimmt, um sie für das eigene Wachstum zu nutzen. Jetzt im Winter werden ihre weißlichen oder gelblichen, erbsengroßen Beeren reif und dienen vielen Vogelarten als wichtiger Nährstoff- und Vitaminlieferant.

    Die Mistel ist eine Pflanzenart, die schon sehr lange im Bewusstsein der Menschen verankert ist. Ihr gegen die Norm gerichteter Lebenszyklus - die unscheinbaren grünlichen Blüten treten etwa ab Februar auf, die Fruchtentwicklung dauert bis Dezember - faszinierte den Menschen schon sehr früh und schuf der Mistel einen festen Platz in den Mythologien. Das Tor zu Unterwelt, zum Hades, öffnete sich in der Sagenwelt der griechischen Antike nur unter Einsatz eines magischen Zweiges, der Mistel. Bei den Kelten und Germanen war sie eine magische Pflanze mit großen Kräften.

    Die Christen übernahmen die Magie der Mistel und gaben so der neuen Religion bekannte, greifbare Symbole. So wurde sie als "heiliges Kreuzholz" in die Symbolik des neuen Glaubens übernommen und fand besonders in den englischsprachigen Ländern einen festen Platz in den Weihnachtsbräuchen.

    Wenn das Laub des Wirtsbaums abgefallen ist, erkennt man, wie stark er mit Misteln besiedelt ist
    (Foto: www.botanikus.de.)

    Als Teil eines Advents- oder Weihnachtsgesteckes oder über der Tür angebracht, ist die Mistel Bestandteil unseres Weihnachtsfestes geworden. Obwohl die Mistel einen gewissen Schutz genießt, sie darf nur mit Zustimmung der Naturschutzbehörden aus der Natur entnommen werden, gelangen immer noch viele Zweige illegal auf den "boomenden" Markt.

    Dies ist nicht unproblematisch, denn laut NABU - Experten Gustav Rinder besteht durchaus die Gefahr, dass auch die "Zauberpflanze Mistel" in ihrem Bestand bedroht ist, auch wenn sie derzeit noch nicht auf der Roten Liste der gefährdeten Pflanzenarten steht.

    Dies umso mehr als die Mistel eine langsam wachsende Pflanze ist. Sie bildet pro Jahr eine weitere Verzweigung. Die früchtetragenden Büsche, die auf dem Markt angeboten werden, sind in der Regel mindestens zehn Jahre alt. Denn erst ab dem fünften Jahr trägt so ein Mistelstrauch überhaupt Beeren und noch später erst wird er zum lohnenden Dekorationsobjekt. Dass die Ausrottung der Mistel ein herber Verlust wäre, geht mittlerweile auch den mächtigen Pharma-Konzernen auf. Was über Jahrhunderte ein offenes Geheimnis war, wurde durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt. Mistelpräparate werden in der Krebstherapie eingesetzt. Die Mistel steckt voller heilsamer Geheimnisse und noch sind bei weitem nicht alle entschlüsselt.

    Im Siegerland war die Mistel laut Gustav Rinder vom NABU Siegen - Wittgenstein wohl immer sehr selten. Da sie Obstbäume auch schädigen kann, ist sie, wenn sie auftrat, meist schnell wieder beseitigt worden. Aus dem letzten Jahrhundert ist eine Angabe von Wilgersdorf bekannt, aktuell gibt es noch ein Vorkommen in einem Streuobstbestand bei Wahlbach; ein Vorkommen am Lahnhof ist inzwischen wieder erloschen.

    Weniger die ökonomischen als vielmehr die ökologischen Aspekte der Mistel hat der NABU im Auge, der sich in vielfältiger Weise für den Erhalt einer intakten Kulturlandschaft engagiert. Mit dem Schutz von Streuobstbeständen, der Anlage von Feldholzinseln und der Forderung nach naturgemäßen Waldbau versucht der NABU, der Mistel Überlebensräume zu sichern.

    asa, NABU