Pflanzen als Zuwanderer - Neophyten im Siegerland

      Etwa die Hälfte der ca. 1000 Pflanzenarten, die im Siegerland vorkommen, sind hier nicht heimisch. Das bedeutet, dass, seit Menschen hier siedeln (seit ca. 300 v. Chr.), immer wieder Pflanzenarten eingewandert sind oder eingeschleppt wurden, die ihre Heimat in fernen Ländern haben. Über ihren Ursprung kann man zum Teil nur spekulieren. Nun ist es kein Zufall, dass diese Wanderungsbewegungen mit der menschlichen Besiedlung verbunden sind, denn nur der Mensch greift so stark in seine Umgebung ein, dass Pflanzen und Tiere sich darauf einstellen müssen und ihm dann folgen. Selbstverständlich gibt es auch natürliche Ursachen für Pflanzenwanderungen wie z.B. Klimaveränderungen. Diese verlaufen jedoch meist in größeren Zeiträumen.

      Die Nachtkerze - eine amerikanische Einwanderin
      (Foto: asa, NABU)

      Im Allgemeinen unterscheidet man bei zugewanderten Pflanzen die sogenannten Altsiedler (Archaeophyten), die seit der menschlichen Besiedlung bis ins Mittelalter bei uns eingewandert sind und die sogenannten Neusiedler (Neophyten), die seit der Entdeckung Amerikas bei uns heimisch wurden.

      Schon sehr viel ist geschrieben worden über jene Neophyten, die vor allem nach dem Krieg sehr auffällig in Erscheinung getreten sind. Besonders an Flussufern findet man Arten wie Topinambur, die aus Südamerika stammt, das Drüsige Springkraut aus Mittelasien und Indien, der Riesen-Bärenklau (Herkulesstaude) aus dem Kaukasus, der Japanische- und der Sachalin-Knöterich aus Fernost. Auf Ruderalflächen und (Ödland), findet man die Riesen- und die Kanadische Goldrute, das Frühlings- und das Schmalblättrige Kreuzkraut aus Südafrika, die Nachtkerze, das Einjährige- und Kanadische Berufskraut aus Nordamerika etc.

















      Die Kanadische Goldrute hat von den Vorgärten aus die Feldflur erobert
      (Foto: asa, NABU)

      Jede Art hat ihre eigene Geschichte. Die Nachtkerze ist beispielsweise seit 1619 in Europa und hat sich durch Kreuzungen der Unterarten untereinander inzwischen genetisch so verändert, dass die hier vorkommenden Arten nicht mehr mit der Ursprungsart identisch sind. Die beiden Arten des Knopfkrautes ("Franzosenkraut") sind seit dem letzten Jahrhundert in Europa, haben sich jedoch erst nach dem zweiten Weltkrieg stürmisch auf Hackfruchtäckern und in Gärten vermehrt. Man glaubte, der ehemalige Kriegsgegner Frankreich habe das Kraut eingeschleppt; die Franzosen machen vermutlich die Deutschen für die Vorkommen in ihrem Land verantwortlich. In Wirklichkeit stammt die Art aus Südamerika und konnte sich erst durch verbesserte Bodendüngung ausbreiten.

      Am interessantesten sind die Pflanzen, die sich heute noch ausbreiten, z.B. das Drüsige oder Indische Springkraut. Als sehr hochwüchsige einjährige Art hat sie fast alle Flussufer (vor allem im Überschwemmungsbereich) erobert und schickt sich an, die Oberläufe zu erobern und dabei alle anderen, vor allem heimische Arten, zu unterdrücken.

      Nun wäre es sicher ein heroisches Unterfangen, diese und andere Neophyten durch kräftiges Handanlegen zurückdrängen zu wollen, es käme jedoch eher dem Kampf des Herakles gegen die Hydra gleich: für jede abgeschlagene Pflanze wachsen zwei neue nach. Es bleibt nur, sich selbst oder gefährdete Naturbereiche lokal gegen eine unerwünschte Ausbreitung zu schützen; stoppen kann man diesen natürlichen Ausbreitungsprozeß so nicht.

      In Ausbreitung befindet sich auch das Schmalblättrige Kreuzkraut aus Südafrika, das im Juni und November (entspricht dem Südhalbkugel-Sommer!) auffällig gelb blüht, besonders im Rheinland entlang der Autobahnen. In Siegen kann man der Ausbreitung der Art geradezu zusehen.
      Durch die Schaffung neuer Biotoptypen können ebenfalls neue Arten auftreten: so findet man an im Winter stark gesalzenen Straßenrändern den Salzschwaden, an der A45 breitet sich das Dänische Löffelkraut aus, einmalig wurde auch die Salz-Schuppenmiere beobachtet; sie alle sind Arten des Meeresstrandes.

      An Bahnhöfen wurden neue Biotope geschaffen durch das feinerdearme Granulat und regelmäßige Herbizidsprühungen; auch durch Veränderungen der Spritzungen oder deren Häufigkeit können Möglichkeiten für die Ausbreitung neuer Arten geschaffen werden. So beobachtet man vor allem in den letzten zehn Jahren zunehmend (z.B. entlang der Bahnstrecke von Littfeld nach Niederschelden) wärmeliebende Sandrasenarten, deren Herkunft ursprünglich das Mittelmeergebiet war. Hier wären zu nennen: Dreiteiliger Steinbrech, Federschwingelarten, Filzkrautarten, Hornkrautarten, Borstenhirse, Fingerhirse, Kleines Liebesgras etc. Ob dies mit einer allgemeinen Klimaveränderung zu erklären ist, ist schwer belegbar, aber möglich.

      Obwohl in der Flora des Siegerlandes von A. Ludwig von 1952 viele Pflanzen genannt wurden, die heute nicht mehr vorhanden sind (unbeständige Arten der Trümmerflora und heute ausgestorbene Einheimische), sind die meisten der oben genannten Arten noch nicht genannt; ob man deshalb im Falle der jüngsten Neophytenausbreitung von Verarmung, Ersatz oder Bereicherung sprechen soll, muss dabei offen bleiben.

      Gustav Rinder, NABU