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Wärmeliebende Tierarten in Ausbreitung

Die letzten zehn Jahre gelten als die wärmsten seit Beginn der regelmäßigen Klimaaufzeichnungen in Deutschland. Presseberichte, in denen die heutigen Temperaturen um 0,7 Grad Celsius höher liegen als noch vor 100 Jahren mehren sich. In den Alpen wandern die Gebirgspflanzen höher, da es ihnen zu warm wird und die durchschnittlichen Augusttemperaturen im Sommer 1997 sollen in Deutschland mit denen von Nizza am Mittelmeer vergleichbar gewesen sein. Mittelmeerklima im Sieger- und Wittgensteiner Land? Das würde bedeuten, dass sich die Sommer durch mehr Wärme und auch Dürre auszeichneten und im Winterhalbjahr der Regen zunehmen müsste. Sieht man einmal vom Sommer 1998 ab, ist eine tendenzielle Mediterranisierung des mitteleuropäischen Klimas festzustellen. Auf diese Mediterranisierung des Klimas haben gleichzeitig mehrere seltene bzw. verschollene Tierarten des Kreisgebietes durch eine Zunahme ihrer Bestände reagiert. Dieser erneuten Besiedlung und Zunahme alteingesessener Arten steht eine wirkliche Neubesiedlung wärmeliebender (thermophiler) Arten gegenüber. Zunächst reagierten diese neuen und thermophilen Arten durch punktuelles Erscheinen im Kreisgebiet, was im Laufe der letzten Jahre zu einer dauerhaften und in Teilbereichen flächigen Besiedlung führte.

 wespenspinne

Die Wespenspinne
(Foto: Markus Fuhrmann, NABU)

Als ein bekanntes Beispiel sei die schwarz-gelb gezeichnete Wespenspinne (Argiope bruennichi) zu nennen. Diese Radnetzspinne zählt mit ihren 15-20 mm Körperlänge zu den größten und auffälligsten Spinnenarten und breitet sich seit 1990 in Westfalen aus. Erste punktuelle Funde aus dem Kreisgebiet stammen aus den Jahren 1992 und 1993. Mittlerweile scheint sich die Spinne in Teilbereichen des Kreises zu etablieren. Uwe Diener beobachtet seit einigen Jahren eine größere Population bei Birlenbach von rund 70 Tieren. Von wo die Spinne genau eingewandert ist, kann augenblicklich nicht gesagt werden. Vieles spricht aber dafür, dass die Tiere sowohl aus Osten als auch Westen in unser Gebiet eingewandert sind. 

Einen ähnlichen Einwanderungsverlauf zeigt die wärmeliebende Gallische Wespe (Polistes dominulus). Diese Feldwespe ist mediterran bis submediterraner Herkunft und war für NRW bislang nur zwischen Königswinter und Köln bekannt. Seit dem Frühjahr 1995 konnte die Art mehrfach im Bereich des Siegener Kessels, also dem Teilbereich der Stadt Siegen nachgewiesen werden, in dem die dichteste Bebauung vorzufinden ist. In diesem klimatisch begünstigten Bereich kam die Feldwespe verbreitet vor und ist mittlerweile im Sieg und Ferndorftal auch in kleineren Dörfern wie Werthenbach zu finden. Da auch Tiere im östlichen Kreisgebiet bei Bad Laasphe vorkommen, erfolgt auch bei dieser Art eine Besiedlung des Kreisgebietes aus westlicher und östlicher Richtung.

Schließlich sei noch auf die Streifenwanze (Graphosoma lineatum) hingewiesen, die seit 1991 bei Niederlaasphe an einem wärmebegünstigten Hang vorgekommen ist und sich seitdem weit über das östliche Kreisgebiet verbreitet hat. Für das Siegerland ist die Art seit mindestens 1995 bekannt und breitet sich auch im Westen in immer kleinere Täler aus.

 streifenwanze

Die Streifenwanze
(Foto: Markus Fuhrmann, NABU)

  Während diese drei genannten Arten sich im Verlauf der letzten fünf bis zehn Jahre im Kreisgebiet flächig ausgebreitet haben und sich auch reproduzieren, liegen von einer Reihe weiterer thermophiler Arten lediglich punktuelle Vorkommen vor. Diese Funde sind bei einigen Arten wie der Sichelschrecke (Phaneroptera falcata) nachweislich als Vorposten einer augenblicklich stattfindenden Arealerweiterung zu interpretieren. Neben der Sichelschrecke von der bisher drei Funde vorliegen, existiert ein Nachweis einer größeren Ansammlung der wärmeliebenden Bodenwanze Horvathiolus superbus an der Obernautalsperre an einer klimatisch günstigen Wegeböschung. Bemerkenswert ist auch der Fund des Kleinen Distelbocks (Agapanthia cardui), der eigentlich auch nicht in unser feucht-kühles Bergland gehört und nur selten in Mitteleuropa zu finden ist, da seine ursprüngliche Heimat der Mittelmeerraum ist. Interessanterweise wurde dieses Tier gerade auf den Lipper Höhen auf rund 600 m ü. NN entdeckt. Der Nachweis eines Bienenfressers aus Ferndorf 1997 von U. Stähler gehört schließlich noch in die Reihe dieser in Ausbreitung begriffenen Arten.

Neben diesen wirklichen Neubürgern bzw. Erstnachweisen konnten einige Arten in den letzten Jahren ihre z.T. kleinen Populationen vergrößern und neue Bereiche zusätzlich besiedeln. Als Beispiele sind hier die relativ gut untersuchten Insektengruppen der Heuschrecken und der Tagfalter zu nennen. So haben sich die Bestände und besiedelten Areale der Waldgrille (Nemobius sylvestris), des Warzenbeißers (Decticus verrucivorus), des Heidegrashüpfers (Stenobothrus lineatus) und des Grünen Heupferdes (Tettigonia viridissima) zugenommen bzw. vergrößert. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich das Grüne Heupferd bevorzugt über die bewaldeten Höhen und nicht ausschließlich durch die Täler ausbreitet. Schmetterlingsarten, die in den siebziger und achtziger Jahren selten zu beobachten waren, haben in den letzten warmen Jahren ebenfalls zugenommen. Zu ihnen zählen beispielsweise der Dunkle Ameisenbläuling (Maculinea nausithous) und die Widderchen Zygaena purpuralis und Zygaena viciae. Die Liste dieser Arten lässt sich ohne weiteres auf andere Insektengruppen (z.B. Bienen, Wespen, Libellen) ausdehnen. Aber auch bei den Wirbeltieren und hier insbesondere bei den Fledermäusen haben sich die warmen Sommer positiv ausgewirkt und längst totgeglaubte Arten wie Kleinabendsegler, Fransenfledermaus und Mausohr sind mittlerweile wieder regelmäßig im Kreisgebiet zu finden.

Sollte der gegenwärtige Klimatrend anhalten, ist mit weiteren Nachweisen thermophiler Arten zu rechnen. Insbesondere an den Unterläufen der Sieg, Eder und Lahn können, wie die oben genannten Beispiele zeigen, Vorposten dieser wärmeliebenden Arten bevorzugt nachgewiesen werden. Die Beispiele sind sicherlich subjektiv von mir ausgesucht und manche Leser kennen weitere Hinweise und Beobachtungen. Dieser Artikel soll aufmerksam machen auf ein Phänomen einer zumindest klimatisch begünstigten Zuwanderung von wärmeliebenden Arten und ermuntern, eigene Beobachtungen genau zu dokumentieren. Man darf gespannt sein, wie Wespenspinne , Gallische Wespe und Streifenwanze sich entwickeln werden.

Markus Fuhrmann, NABU