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Der Haussperling - Vogel des Jahres 2002

Der Haussperling - Vogel des Jahres 2002
(Foto: NABU/ Siegel)





Der Naturschutzbund NABU hat den Haussperling als "Vogel des Jahres 2002" vorgestellt. Mit dieser Wahl lenkt der NABU die Aufmerksamkeit auf einen Vogel, der den Menschen als so genannter Kulturfolger seit über 10.000 Jahren begleitet, heutzutage aber dennoch kaum beachtet wird.

weitere Informationen über den Spatz !


 

Die Spatzen pfeifen’s von den Dächern –
Vortrag über den Jahresvogel
mit Bezug auf die Situation im Kreisgebiet


von Monika Nelson (NABU Kreuztal)

„Lieber den Spatzen in der Hand als die Taube auf dem Dach“ entschied sich der NABU und wählte für das Jahr 2002 einen kecken, alltäglichen Sympathieträger zum Vogel des laufenden Jahres, - den Haussperling oder Passer domesticus. Diesmal sind keine weiten Exkursionen vonnöten, um in den nächsten Wochen und Monaten interessante Verhaltensbeobachtungen an dem allbekannten, teils verkannten Vertreter der Singvogelschar zu unternehmen. Nachstehend einige Hintergrundinformationen, die den Blick schärfen können für oft Gesehenes und oft Übersehenes rund um Balz und Sozialverhalten, Nahrungssuche, Gefährdung und Schutz des Spatzen.

Spatzen sind Kulturfolger und oftmals gar nicht scheu. Hier bettelt ein Weibchen unmissverständlich um Futter.
(Foto: NABU Siegen-Wittgenstein)

Mit Frühjahrsbeginn pfeifen’s die Spatzen allerorts von den Dächern: „Tschilp, tschilp, tertetterteerr!“ und werben von ihrer Warte aus im stundenlangen Balzgesang um die Gunst ihrer Spatzenfrau. So balzt das mit einem Jahr geschlechtsreife Männchen mit herabhängenden Flügeln, aufgestelltem Schwanz und aufgeplustertem Gefieder um das Weibchen. Entscheidend für dessen Partnerwahl ist der Nistplatz, den das balzende Männchen sichern konnte und an dem es die Balz fortsetzt. Hier schlüpft es mit Nistmaterial im Schnabel hinein und fordert das Weibchen auf, es ihm gleichzutun. Danach inspiziert das Weichen den Nistplatz. Ab diesem Zeitpunkt wirbt das Männchen mit einem täglich viele Stunden andauernden monotonen Schilpen um das Weibchen. Es demonstriert mit aufgeplustertem Gefieder seinen schwarzen Kehlfleck – je größer, desto dominanter der Spatz –, stellt den gefächerten Schwanz auf und wedelt mit den Flügeln. Typischerweise beobachtet man den Spatzenmann, wie er dann mit steifen Verbeugungen um das Weibchen herum hüpft. Mit vibrierenden Flügeln fordert das Weibchen schließlich zur Kopulation auf, die zumeist in Nestnähe stattfindet. Aufgrund seiner geringen Scheu und des lautstarken Gezeters bei der Paarung ist der Spatz wiederholt stark in Verruf geraten.

1559 verhängte man gar einen Kirchenbann über ihn, da er die Gläubigen durch „unaufhörliches Geschrei und ärgerliche Unkeuschheit“ ablenken würde.

Bei Nestbau, Brut und Jungenaufzucht entdeckt man beide Geschlechter aktiv. Ihr kugelförmiges Nest aus Stroh und Gras bauen sie unter Dachvorsprünge, in Mauerspalten und anderen Nischen, aber auch an so exponierten Orten wie in Straßenlaternen oder hinter Reklame-Leuchtschriften. Mitte bis Ende April beginnt die Brutzeit. Es werden meist 4-6 Eier gelegt, aus denen nach circa zwei Wochen Brut die Jungen schlüpfen. Frisch geschlüpfte Spatzen sind mit nur 2 g wahre Fliegengewichte. Während ausgewachsene Haussperlinge überwiegend vegetarisch von Getreidekörnern und sonstigen Samen leben, füttern sie ihre Jungen außerdem mit eiweißreicher Insektennahrung (Blattläuse, Larven, Fliegen und Käfer). Nach zwei bis drei Wochen sind diese flügge und nach rund weiteren zwei Wochen selbstständig. Nun müssen sie sich vor allem gegen die Gefahren des Straßenverkehrs und gegen Fressfeinde behaupten, zu denen in etlichen Gebieten insbesondere die Hauskatze zählt. Nicht selten bringt der Spatz es auf 3 bis 4 Bruten pro Saison. Dabei bleiben Spatzen, wenn möglich, ihrem Neststandort und ebenfalls einander in lebenslanger Dauerehe treu.

Auch dem Menschen ist der Haussperling seit über 10.000 Jahren ein treuer Begleiter. Mit dem Ackerbau hielt der ehemalige Steppen- und Savannenvogel aus Süd- und Vorderasien Einzug in die Kulturlandschaften Europas, Afrikas, Amerikas sowie Australiens. Heute ist der Vogel des Jahres nahezu Kosmopolit und kommt in Deutschland von Nord- und Ostsee bis in die Alpen vor. Verbreitungslücken finden sich nur in unbesiedelten, waldreichen Landstrichen der Mittelgebirge und siedlungsfreien Hochlagen. Für das heutige Kreisgebiet weiß Hofmann in den 30er Jahren einige Gegenden noch spatzenfrei, so z.B. die Ortschaften Sohl, Hohenhain, Lahnhof, Großenbach und das obere Lahntal. Die Ausbreitung von Pferdekutschen, Pferdeäpfeln und Getreideanbau nutzte der Spatz jedoch auch hier für sich und gehört heute als „Husper“, „Strätzer“ oder „Dulkes“ zu den häufigsten Vögeln des Kreises.

So ist es fast unbemerkt geblieben, dass der Haussperlingsbestand in den letzten Jahrzehnten vielerorts stark dezimiert ist. Für Siegen-Wittgenstein liegen noch keine aktuellen Untersuchungen vor. Jedoch wird der aufmerksame Beobachter wahrscheinlich auch hier feststellen können, dass die Spatzenschwärme kleiner und seltener geworden sind. Der bundesweite Rückgang der Spatzenpopulation, geschätzt werden noch etwa 5 – 7 Millionen Brutpaare, geht vor allem auf unsere Wirtschafts- und Lebensweise zurück. Wo früher reichlich Kornreste bei der Getreideernte abfielen, hinterlassen moderne Mähdrescher kaum noch Dreschabfälle für die Spatzenschar. Winterliche Stoppelbrachen verschwinden durch zunehmende Aussaat von Wintergetreide. Die intensive Tierhaltung in Käfigen und Stallungen nimmt dem Spatzen ebenfalls eine altbewährte Futterquelle. Aufgeräumte Gärten, Pestizidgebrauch und exotische Parkpflanzungen reduzieren das für die Jungenaufzucht unverzichtbare Insektenangebot. Und wo man Böden versiegelt, findet der reinliche „Dreckspatz“ keinen Raum für seine spatzentypischen, Parasiten abwehrenden Staubbäder. Außerdem bieten glatte Fassaden ohne Nischen und Winkel kaum Nistplätze. Somit macht uns ein ehemaliger Kulturfolger heute darauf aufmerksam, dass unser unmittelbares Wohnumfeld immer naturferner und lebensfeindlicher wird, - für den Haussperling und etliche Tierkollegen, aber letztlich auch für uns Menschen.

Wenn Menschen bereit sind, den Spatzen auf bequeme Weise gutes Futter zu verschaffen, fressen sie sogar aus der Hand.
(Foto: NABU Siegen-Wittgenstein)

Mit dem Spatzen als Vogel des Jahres möchte der NABU den Naturschutzgedanken in den Siedlungsbereich hineintragen. Die Privatgärten nehmen bundesweit etwa die gleiche Fläche ein wie Naturschutzgebiete und Nationalparke zusammen! Somit liegt hier ein großes Entwicklungspotential für naturnahe Gartenecken, Bodenentsiegelung, begrünte Fassaden, beerenreiche Hecken und versteckte Nistplätze für Spatz & Co.

Direkt vor der Haustür lässt sich dann weiterhin allerlei Spannendes aus dem komplexen Sozialverhalten der Haussperlinge beobachten: Wie ihre tropischen Verwandten, die Webervögel, brüten Spatzen gerne in Kolonien oder lockeren Verbänden. So bauen sie in wärmeren Gegenden Südeuropas große Gemeinschaftsnester in Büschen und Bäumen. Auch in verlassenen Storchennestern brüten oft mehrere Spatzenpaare in direkter Nachbarschaft. Es gibt beim Spatzen also kein strenges Revierverhalten. Nur das nächste Nestumfeld, die Futterstelle, der winterliche Schlafplatz und die Staubbadmulde werden gegen Artgenossen verteidigt.

Viele Lebensweisen sind auf das Leben in der Gruppe ausgerichtet, die als „Aktionsgemeinschaft“ fast immer dasselbe tut: jetzt Gefiederpflege, dann Nahrungserwerb, Fortpflanzung, Singen oder schließlich Ruhen. Vor der Nachtruhe treffen sich kleinere Trupps an ausgewählten Sammelplätzen, können dort bei ihrem Abendgesang belauscht werden und suchen dann gemeinsam den Schlafplatz auf. Diese Ruheplätze in Bäumen oder an Gebäuden bleiben oft über Jahre und Jahrzehnte dieselben.

Auch die Nahrungsaufnahme findet beim geselligen Spatzen bevorzugt in großen Schwärmen statt. Hat ein Einzelvogel eine ergiebige Nahrungsquelle gefunden, so lockt er erst Artgenossen durch Rufe an, bevor er zu fressen beginnt. Diese Schwarmbildung ist eine typische Verhaltensweise vieler Sperlings- und Finkenvögel. So ist das Individuum besser vor Fressfeinden geschützt und kann sich ungestörter der Futteraufnahme widmen. Je größer der Schwarm, um so weniger Zeit und Wachsamkeit ist für das Sichern vor Feinden nötig; gleichzeitig geht mit wachsender Schwarmgröße immer mehr Zeit für Auseinandersetzungen mit den Artgenossen verloren. Optimal soll eine mittlere Schwarmgröße von ca. 20 Tieren sein. Jedoch können beim Haussperling auch Truppenstärken von mehreren 100 Tieren erreicht werden.

Ein prächtiges Spatzenmännchen mit kräftig braunem Obergefieder
(Foto: NABU Siegen-Wittgenstein)

Diese Spatzenschwärme wurden in früheren Jahrhunderten als direkter Nahrungskonkurrent des Menschen angesehen. So machte sich der Spatz vielerorts Feinde, obwohl der durch ihn in Getreidefeldern angerichtete Schaden im Schnitt unter einem Prozent des Gesamtertrages lag. Im 18. Jahrhundert setzte Friedrich der Große gar ein Kopfgeld auf die Spatzen aus. Vergiftungsaktionen mit strychninhaltigem Weizen („Grünkorn“) gab es noch nach dem 2. Weltkrieg. In den 30er Jahren war selbst der Bund für Vogelschutz noch kein Freund des Spatzen: die eigens patentierten Futterhäuschen „Kontraspatz“ und „Spatznit“ sollten Sperlinge von den Körnern der Winterfütterung fernhalten. Nach einiger Lernzeit jedoch ohne Erfolg! Der Spatz ist nämlich ein ausgesprochen gewitzter Vogel. Etliche Berichte veranschaulichen die unglaubliche Lernfähigkeit beim Nahrungserwerb: so nutzen Spatzen die angeblich spatzensicheren Futtereinrichtungen oder trinken aus Saftröhren für Kolibris. Vielleicht entdecken Sie auch einen Spatzen, der auf die Reste vom Balkonfrühstück wartet oder den Kühlergrill von Fahrzeugen nach toten Insekten absucht. Viel Spaß dabei!

Monika Nelson, NABU Kreuztal

Quelle: www.nabu.de