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Mehr Idee oder schon mehr Projekt?
Biber-Safaris am Rothaarsteig

Castor fiber, der Biber
(Foto: Gerhard Schwab)

Eine kleine Gruppe dunkel gekleideter, mit Ferngläsern und Nachtsichtgeräten ausgestatteter Leute, brechen in der Dämmerung von Zinse aus in Richtung Rothaarsteig auf. Geleitet wird die Gruppe von Henner Müsse, dem Sohn einer Siegerländerin und eines Wittgensteiners aus dem kleinen Dorf am Rothaarkamm. Ziel der nächtlichen Exkursion ist das zweitgrößte Nagetier der Welt, der Biber. Castor fiber, wie sein wissenschaftlicher Name ist, wurde vor einigen Jahren in den umliegenden Tälern von einer Initiative aus Förstern, Jägern und Naturschützern ausgesetzt. Ziel der Aktion war es zum einen wieder mehr Dynamik in den Auen zuzulassen und zum anderen mit dem Biber ein Tier wiederkehren zu lassen, in dessen “Schlepptau” viele weitere Tier- und Pflanzenarten neuen Lebensraum finden würden, weiß Müsse zu berichten, der seit nun mehr als zwei Jahren organisierte Touren an Wochenenden für interessierte Gäste anbietet. Auf dem Weg zu einem benachbarten Bachtal berichtet der Inhaber und Geschäftsführer von “Biber-Safaris” seinen Gästen eine Menge handfester Daten zur Biberbiologie und –historie. So seien die letzten Westfälischen Biber vor etwa 150 Jahren bei Neheim und Niederense ausgerottet worden. Die Gründe für die lokale, aber auch weltweite, erbarmungslose Verfolgung der Biber waren vor allem in seinem kostbaren Pelz begründet, die zur Blütezeit der Hanse zu den wichtigsten Handelsgütern gehörten. Darüber hinaus war sein Fleisch, vor allem während der Fastenzeit, eine beliebte Nahrung, da der Biber aufgrund seiner Lebensweise in den Gewässern und seines beschuppten Schwanzes von der Kirche als zu den Fischen gehörend kategorisiert wurde.

Keine Biberwand, sondern eine Biberplattform, um geländeschonend die überhaupt nicht scheuen Biber zu beobachten, wurde im März 2002 im Schambachtal bei Eichstätt errichtet. Sie ist inzwischen eine Attraktion geworden. G. Schwab: Die Biber wissen anscheinend, dass ihnen keiner etwas kann. Zur Not: Abtauchen - und weg.
(Foto: Gerhard Schwab)

Bevor die Naturtouristen von ihrem Führer zu einem Teich mit einer eigens angelegten Biberwand für Beobachtungen geführt werden, nennt Müsse im Flüsterton einige wichtige Hintergründe zur Biologie von Castor fiber, der als Charaktertier der Auen bestens an das Leben im bzw. am Wasser angepasst ist. Beispielweise besitzt der Biber zwischen seinen fünf Zehen der Hinterfüße Schwimmhäute und sein etwa 30 cm langer Schwanz dient ihm hervorragend zur Steuerung beim Schwimmen und Tauchen.

Die Hinterpfote des Bibers
(Foto: Gerhard Schwab)










Wie ein Fremdkörper wirkt der Schwanz, auch Biberkelle genannt, beim Pelztier Biber. (Foto: Gerhard Schwab)





In der Detailaufnahme erkennt man die Schuppung der Biberkelle.
(Foto: Gerhard Schwab)

Apropos Tauchen, das kann der Nager immerhin bis zu 20 Minuten und man sollte sich die Zeit an der Biberwand bei einem längeren Tauchgang dadurch vertreiben, indem man auch einmal seinen Blick in die umliegende Biberwiese schweifen lässt, denn auf den vom Biber geschaffenen Freiflächen ist immer etwas zu entdecken, unterweist Müsse seine Gäste, bevor er weiter fortfährt. Neben einigen Angaben zum hochentwickelten Sozialverhalten überrascht die “Bibertouristen” immer wieder die stattliche Größe von immerhin 1,3 m und dem Gewicht von 30 kg. Ebenso verwundert die Leute, dass der Biber nur im Winter Rinde von Sträuchern und Bäumen zu sich nimmt und den Rest des Jahres sich fast ausschließlich von hier weit verbreiteten krautigen Pflanzen ernährt wie beispielsweise Mädesüß, Giersch, Ampfer, Rohrkolben oder Brennnessel.

Ein Biber im liebsten Element
(Foto: Gerhard Schwab)

Nach etwa einer halben Stunde wird der Wald lichter und die Gruppe nähert sich ihrem Ziel. Bereits vor einigen Minuten hatte der Geschäftsführer von “Biber-Safaries” seinen Vortrag unterbrochen und alle Teilnehmer gebeten leise zu sein. An der Biberwand angekommen wird jedem Teilnehmer ein Platz zugewiesen, wo sie gespannt durch Schlitze in der Wand, mit ihren Ferngläser oder Nachtsichtgeräte einen guten Blick über einen Bibersee haben. Nach einigen Minuten wird die glatte Wasseroberfläche von einem auftauchenden Biber durchbrochen, der vorsichtig das Umfeld abcheckend sich an Land begibt und zu fressen beginnt.

Gut 40 Minuten beobachtet die kleine Gruppe das Tier und bricht bei einer passenden Gelegenheit leise wieder vom Bibersee in Richtung Zinse auf. Nach etwa einem halben Kilometer löst sich die Anspannung und nun muss Müsse viele Fragen seiner Teilnehmer beantworten.

So zeigen sich die Gäste immer wieder verwundert, dass die Biber lediglich einen kleinen Streifen von gerade einmal 10 bis 15 m beidseits des Gewässers nutzen. Auch sind die Leute über die Bautätigkeiten des Nagers überrascht, die nur das Ziel haben, Umweltbedingungen zu schaffen, die für den Biber lebensnotwendig sind, wie beispielsweise den Wasserstand im See auf rund einen Meter zuhalten, damit sich der Eingang zur Biberburg unterhalb des Wasserspiegels befindet.

Gerdezu systematisch wirkt die Baumfällerei des Bibers am Gewässerrand.
(Foto: Markus Fuhrmann)









Auf die Höhe des Wasserstands hält der Biber stets ein wachsames Auge und bessert den Damm, sofern vorhanden, ständig nach.
(Foto: Markus Fuhrmann)

Und dann kommt auch immer die Frage nach der Akzeptanz in der Bevölkerung, wie Müsse zu berichten weiß. Doch hierzu hat der Leiter der Gruppe seine eigene, wie er meint, typische Geschichte aus der Region für seine Gäste, die damit endet, dass er vom “Saulus zum Paulus” wurde. So ist der heute noch praktizierende Nebenerwerbslandwirt Müsse der Meinung, dass die damaligen Konflikte nur eine falsche, menschliche Nutzung der Auen bis unmittelbar an die Gewässer offengelegt haben. Der Biber hat nach Meinung von Müsse die Grenzen klar aufgezeigt und nur für kurze Zeit für Unruhe gesorgt. Die entstandenen Schäden durch Überstauung konnten durch die Aufgabe dieser Flächen und durch Extensivierungsprogramme, wie das Uferrandstreifenprogramm schnell aufgefangen werden. Viele weitere Fragen und intensive Gespräche ergeben sich rund um den Biber und seinen Lebensraum. Nach etwa drei Stunden endet die Tour in Zinse. Die Naturtouristen sind müde und zufrieden, haben sie doch ein Stück “Wildnis” am Rothaarsteig erlebt.

Herrlich vielfältige Lebensräume für sich und viele weitere Arten schafft der Biber als Landschaftsgestalter.
(Foto: Markus Fuhrmann)

Diese fiktive Geschichte könnte im Jahr 2010 spielen, wenn wir heute darangehen den Biber in die allmählich wieder zuwachsenden Täler des Rothaargebirges zu entlassen, wo er als typischer Bewohner einen großen Einfluss auf die natürliche Dynamik der Auen hatte. Mit ihrem gestalterischen Wirken schaffen es Biber weiträumig Lebensraum für viele andere Tier- und Pflanzenarten, wie Libellen, Amphibien und Vögel, allen voran dem Schwarzstorch, herzurichten. Darüber hinaus haben Biberlebensräume einen außerordentlichen hohen Erlebniswert für die Bevölkerung, die ein hohes Bedürfnis nach Naturerlebnis in einer unberührten “wilden” Landschaft hat.

Dennoch gibt es wohl kaum ein anderes Tier, das in seiner Abwesenheit große Sympathie genießt, das jedoch in seiner Anwesenheit zunächst für viel Aufregung sorgt, wie der Biber. Denn kaum eine andere Tierart zeigt so deutlich die Defizite in seiner Umwelt, insbesondere das Fehlen einer naturnahen Auenlandschaft, auf. Insofern kommt dem Biber eine Leitfunktion in einer intakten, naturbelassenen Auenlandschaft zu.

Wesentliche Voraussetzung für die Akzeptanz des Bibers in unserer Kulturlandschaft ist die Information der Öffentlichkeit über Lebensweise, Biologie und Ansprüche des Bibers, welche Probleme er verursachen kann und welche Lösungsmöglichkeiten es gibt.

Welche Kräfte und Ausdauer ein Biber entwickeln kann, dokumentiert diese Aufnahme.
(Foto: WGM-Archiv)

Gezielte Öffentlichkeitsarbeit soll sicherstellen, den Biber als Sympathieträger für Naturschutz an Gewässern und Wäldern zu nutzen, wie dies bereits in anderen Gebieten in Deutschland gelungen ist. Aufgrund dieser positiven Erfahrungen sollte bei uns möglichst frühzeitig ein Bibermanagement mit allen Interessierten erarbeitet werden. Folgende Punkte könnten dabei eine erste Orientierung geben: so sollten Planungen zur Gestaltung von Schutzmaßnahmen in Biberrevieren vorgenommen, Möglichkeiten zum Fang von Bibern (falls notwendig) überlegt, ein Monitoring des Bestandes und die Ausbreitung dokumentiert und eine aktive Öffentlichkeitsarbeit organisiert werden. Als schließlich letzte Maßnahme wäre ein Netz von Biberbetreuern aufbauen, die als Ansprechpartner zur Verfügung stünden.

Wenn nicht die kleine Kelle so verräterisch herauslugte, könnte man das Biberkind fast mit einem Murmeltier verwechseln.
(Foto: Gerhard Schwab)

Ein erster Anstoß zu diesem Projekt soll dieser Artikel sein, dem bei der Jahreshauptversammlung des NABU Siegen-Wittgenstein e.V. am 15. Februar 2002, um 19.00 Uhr in Netphen-Sohlbach, eine tiefergehende Information zur Biberbiologie folgen wird. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen aus diesem Anstoß eine Bewegung werden zu lassen, die die oben geschilderte Fiktion aus dem Jahre 2010 Wirklichkeit werden lässt.

Markus Fuhrmann, NABU


Der NABU Siegen-Wittgenstein dankt für viele herrliche Biberfotos aus dem Donauraum Herrn Gerhard Schwab. Auf Herrn Schwabs Homepage sowie auf seiner Biber-Website finden sich weitere wunderschöne fotografische Portraits des Bibers.
Die Fotos von Markus Fuhrmann (NABU Siegen-Wittgenstein) sind in der Rureifel aufgenommen worden.

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