Alfred Raab und Thomas Rasche montierten
Turmfalken-Wohnungen in Glockentürmen / Nicht überall willkommen
dima Netphen/Walpersdorf. Weit über dem Turm der Walpersdorfer
Kirche zieht ein winziger Punkt am wolkenlosen blauen Himmel Kreise. Erst ein Blick durchs Fernglas bringt Klarheit: Aus dem Punkt wird ein Turmfalke, ein im Kreisgebiet verbreiteter kleiner
Greifvogel, der vom Naturschutzbund Deutschland zum Vogel des Jahres 2007 gewählt wurde.
Der Mäusejäger interessiert sich offensichtlich für das
Gotteshaus. Genauer gesagt, für eine frisch gezimmerte Holzkiste im Glockenturm. Ebenfalls Interesse an der Kiste zeigen Alfred Raab und Thomas Rasche, als Naturschützer der Bund- und
Nabu-Kreisgruppe aktiv, mit besonderem Faible für Greifvögel. Zum
zweiten Mal seit dem vergangenen Herbst klettern die
Naturschützer auf
der senkrecht installierten Stahlleiter in die
Turmspitze.
Noch sitzt kein Falke in der Kiste. Und zwar obwohl bereits zahlreiche Walpersdorfer Bürger mit Interesse die Flugmanöver der Vögel rund um den Kirchturm beobachteten. Andernorts hatten die
Vogelschützer bereits Erfolg. In verschiedenen Kirchtürmen brüteten Turmfalken in diesem Jahr mit Erfolg in den neuen Kisten. Im vergangenen Jahr nahmen Alfred Raab und Thomas Rasche Kontakt mit
Kirchengemeinden im Netpherland auf. Zuvor hatte das Naturschutzduo eine Kirchturm-Rundreise absolviert. Nicht jeder Glockenturm schien den beiden als Falkendomizil geeignet. Zur Montage der
geräumigen Falkenwohnung wird Platz benötigt. Und natürlich muss ein geeignetes Einflugloch für die Vögel vorhanden sein. Einige Türme eigneten sich sogar zur Anbringung eines großen
Kombikastens. Mit Brettern unterteilt, könnten hier tagaktive Falken oder nachtaktive Schleiereulen brüten. Zusagen von den katholischen Kirchengemeinden Irmgarteichen, Hainchen, Salchendorf,
Helgersdorf, Walpersdorf und Werthenbach und der ev. Kirche Deuz erhielten die Nabu-Aktiven ohne Probleme, erklärte Alfred Raab. Überzeugungsarbeit mussten die beiden beim Kirchenvorstand
der kath. Kirche Dreis-Tiefenbach leisten. Dort befürchtete man, dass der 50 mal 50 mal 100 Zentimeter große Holzkasten, vor den Schalllamellen des Glockenturms angebracht, den Glockenklang
beeinträchtigen könnte. Alfred Raab setzte sich mit dem Chef einer Glockengießerei in Verbindung. Der Experte gab Entwarnung. Mittlerweile wurde die Zustimmung zur Montage eines Vogelappartements
gegeben, so ist auch dort jetzt ein Nistkasten montiert. Die ev. Kirche Dreis-Tiefenbach dagegen lehnte die Teilnahme an der
Nistkastenaktion ab. Aus „diversen Gründen" habe sich das Presbyterium gegen die Anbringung eines Nistkastens im Kirchturm entschieden, erklärte Baukirchmeister Volker Braach auf Nachfrage der
SZ. Die katholische Kirche Netphen lehnte die Anbringung eines Kastens laut Alfred Raab ebenfalls ab. Der Kirchenvorstand habe befürchtet, dass es durch die Vögel zu Verschmutzungen des
Mauerwerks komme, erklärte der Netphener Pfarrer Werner Wegener gegenüber der SZ. Vogelfreundlicher dagegen die Resonanz im Oberen Johannland: Das Holz für diese Nistkästen wurde hier vom
Sägewerk Heinz Sting gespendet und sogar auf Maß zugeschnitten. Und der Kasten für Walpersdorf wurde vom Küster aus gespendetem Material des Walpersdorfer Sägewerks zugeschnitten, der Nistkasten
für die ev. Kirche Deuz wurde sogar in eigener Regie von der Kirchengemeinde erstellt und den Kasten für Dreis-Tiefenbach spendierte die Schreinerei Gerhard. Auch die ev. Kirche Netphen sei für
Eulen geöffnet und beherberge seit vielen Jahren ein oder gar zwei Brutpaare Turmfalken, so Alfred Raab. Ein Nistkasten für Schleiereulen werde seit der nächtlichen Außenbeleuchtung dieser
Kirche von den Tieren nicht mehr genutzt. Es solle jedoch ein Vorstoß unternommen werden, die Beleuchtung zum Schutz der Eulen dauerhaft auszuschalten, so Raab.
Immer noch sind die Naturschützer auf der Suche nach weiteren Standorten für die
Mäusejäger. In Beienbach wird ein Einwohner einen Schleiereulen-Nistkasten bauen, der in seiner Scheune aufgehängt werden soll, weitere Kästen sind für Eschenbach, Werthenbach und Irmgarteichen
in der freien Landschaft, z.B. in Scheunen vorgesehen. In Burbach soll die Aktion schließlich in Kooperation mit dem Nabu-Ornithologen Jürgen Sartor in drei Kirchtürmen fortgeführt werden. Zur
Zeit laufen Gespräche mit den Kirchengemeinden in Burbach, Holzhausen und Niederdresselndorf.
Gemeinden, Kirchengemeinden, Landwirte und Besitzer von Häusern mit „Euleneinfluglöchern" sind aufgerufen, sich ebenfalls zu engagieren, betont Alfred Raab. Eine Beratung erfolgt gerne, so der
Unglinghausener (Tel. 02732-3344). Eine Bilanz werden die Naturschützer erst nach einer Kontrollrunde zum Abschluss der Brutsaison ziehen können. Gespannt sind Raab und Rasche dann, ob vielleicht
sogar eine der seltenen Schleiereulen in ihre Kästen eingezogen ist.
dima Siegen/Berlin. Zum „Vogel des Jahres 2007" wurde der Turmfalke vom
Naturschutzbund Deutschland (NABU) und dem Landesbund für Vogelschutz
(LBV) gewählt. Bereits 1971 kam ein Falke zu diesen Ehren. Damals kürten die Naturschützer den Wanderfalken zum ersten „Vogel des Jahres" überhaupt. Diese Vogelart stand damals kurz vor dem
Aussterben, mittlerweile hat sich der Bestand bundesweit erholt, nicht zuletzt aufgrund zahlreicher Naturschutzaktionen. Sogar in Siegen brüten inzwischen Wanderfalken (die SZ berichtete).
Erheblich häufiger kann man im Kreis Siegen-Wittgenstein aber Turmfalken beobachten. Dennoch gehen die Bestandszahlen bundesweit zurück. Ein Grund laut NABU: Nistmöglichkeiten an geeigneten
Gebäuden werden häufig verschlossen.
Trotzdem leben in Deutschland immerhin noch rund 50 000 Turmfalken-Paare. Werbung für die Falkenart machte in diesem Jahr die Berliner Heilandskirche, die ein Falkennest mit einer Kamera
ausrüstete, um Live-Bilder ins Internet zu senden. Tausende Zuschauer nahmen Anteil am Brutgeschehen der Vögel. Als bundesweit erste Kirche wurde die Heilandskirche dafür vom NABU und vom
Beratungsausschuss für das Deutsche Glockenwesen mit der Plakette „Lebensraum Kirchturm" ausgezeichnet.
Text und Fotos: Dirk Manderbach, Artikel aus der Siegener Zeitung vom 4.8.07.