Bagger und Panzer auf der Heide


Derzeit werden auf der „Trupbacher Heide", dem ehemaligen Truppenübungsplatz bei Siegen, Maßnahmen durchgeführt, um diesen besonderen Lebensraum für die dort vorkommenden seltenen Arten zu erhalten. Artikel darüber, ebenso wie Leserbriefe, waren in den letzten Tagen in der Tagespresse zu finden. Die Maßnahmen sind ungewöhnlich: Bagger nehmen den Oberboden ab, Panzer sollen zur Optimierung von Feuchtlebensräumen durch das Gebiet fahren. Was auf den ersten Blick wie Zerstörung wirkt, ist notwendige Voraussetzung, die derzeitige Vielfalt zu erhalten.


Um den Sinn solcher Maßnahmen zu verstehen, muss man ein wenig weiter ausholen, wenngleich hier versucht werden soll, die Zusammenhänge doch möglichst kurz und verständlich zu erläutern.


Gäbe es den Menschen nicht, wären weite Teile Deutschlands mit Wäldern bedeckt. Die Vielfalt, die sich bis etwa zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts hier entwickelt hat, entstand durch Eingriffe des Menschen. Durch seine Wirtschaftsweise entstanden Wiesen und Weiden, Äcker, Hecken, Feldgehölze, Gräben, Teiche und mehr. Gleichzeitig wanderten Arten, denen der entsprechende Lebensraum zusagte, in unser Gebiet ein. Nahezu die gesamte Fläche Deutschlands ist heute durch den Menschen überprägt: im Offenland durch die Landwirtschaft, im Wald durch die Forstwirtschaft. Wirkliche Natur findet man heute noch im Wattenmeer, in Teilen der Alpen, in wenigen Mooren und in verschiedenen Urwaldresten.

Durch die intensiver werdende Nutzung, durch die Etablierung von Kunstdünger und immer größeren Maschinen, nahm die Artenvielfalt in der Landschaft wieder ab.


Ziel des Naturschutzes ist es heute, die größtmögliche Artenvielfalt zu erhalten – die sich ja erst durch Eingriffe des Menschen entwickelt hatte. Wenn heute von „Naturschutz" die Rede ist, ist oft der „Kulturlandschaftsschutz" gemeint, und zwar der Schutz einer Kulturlandschaft, in der auch für viele verschiedene Tier- und Pflanzenarten Platz ist.


Um eine artenreiche Kulturlandschaft zu erhalten, sind in vielen Biotopen (=Lebensräumen) weiterhin Eingriffe des Menschen notwendig. Wälder, Moore, Fließgewässer beispielsweise können aus rein naturschutzfachlichen Gründen sich selbst überlassen bleiben; Wiesen und Weiden aber, die bei extensiver Bewirtschaftung vielen Blütenpflanzen, Schmetterlingen und vielen weiteren Insekten sowie Vögeln Lebensraum bieten, würden ohne Eingriffe des Menschen verbuschen und über lange Zeit wieder zu Wald werden.


So muss man also als Naturschützer bei allen Maßnahmen und Projekten zunächst die Grundsatzfrage beantworten: was will ich an dieser Stelle? Will ich eine besondere Artenvielfalt erhalten oder will ich der Natur freien Lauf lassen?

Diese Frage muss in jedem einzelnen Fall neu beantwortet werden. Dazu muss zunächst geklärt werden:

1.) Welcher Lebensraum mit welchen Tier- und Pflanzenarten ist derzeit im fraglichen Gebiet vorhanden?

2.) Was wird sich voraussichtlich mit, was wird sich ohne einen Eingriff entwickeln?


Für den Fall der Trupbacher Heide:

1.) Es handelt sich hier um einen sehr besonderen Lebensraum, der durch die militärische Nutzung entstanden ist. Wertvoll für den Naturschutz ist immer das, was es in der „Normallandschaft" selten gibt. In der Trupbacher Heide gibt es Offenland, das nie gedüngt wurde. Magere Standorte also, an denen Pflanzen vorkommen, die auf durchschnittlichen landwirtschaftlich genutzten Flächen keine Chance haben, da sie durch konkurrenzkräftigere Arten, die aber nur bei guter Nährstoffversorgung wachsen können, verdrängt werden. Beispiel hierfür sind die Heiden, die Borstgras- und anderen Magerrasen mit ihren typischen Pflanzenarten. Genau an diese hier vorkommenden Pflanzen und Strukturen angepasst sind bestimmte Tierarten. Ein gutes Beispiel für die Trupbacher Heide ist die Heidelerche, die in Südwestfalen sehr selten ist. Sie braucht offene Lebensräume, Bodenbereiche mit sehr schütterer Vegetation in Kombination mit Gehölzen.

2.) Durch Eingriffe, wie Aufreißen des Oberbodens, können sich die hier wachsenden Pflanzen verjüngen. Mittelfristig kann so die aktuelle Struktur- und Artenvielfalt erhalten werden.


Ohne Eingriffe wird das Gebiet verbuschen. Weiden und Birken werden sich ausbreiten. Arten, die auch in der „Normallandschaft" vertreten sind, werden vorkommen.

Keine Frage: jedes einzelne Tier ist wertvoll, sei es eine häufige oder eine seltene Art, keines ist besser oder schlechter.


Dennoch müssen wir uns fragen: wollen wir eine weitere Vereinheitlichung von Landschaft und Artenzusammensetzung, oder wollen wir eine möglichst große Vielfalt erhalten?

Brauchen wir überhaupt eine Vielfalt der Arten? Für viele Naturschützer stellt sich die Frage nicht, ist es doch selbstverständlich, sich gegen das weltweit gesehen massenhafte Aussterben zu engagieren. Es gibt aber auch für den Menschen ganz praktische Gründe: können wir es uns leisten, Arten aussterben zu lassen, aus denen vielleicht später wichtige Medikamente gewonnen werden können, oder die die Grundlage für Züchtungen neuer Nahrungspflanzen für den Menschen sind?


Im Falle der Trupbacher Heide sind sich Bundesforst, haupt- und ehrenamtlicher Naturschutz einig: hier soll die Vielfalt erhalten, also eingegriffen werden.


Eva Lisges, Januar 2014

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Foto: Tom Dove
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