Die Trupbacher Heide - Über die Geschichte des geplanten FFH-Gebietes

Der vermutlich größte Zankapfel unter den vorgesehenen FFH - Gebieten (Flora-Fauna-Habitat) des Kreises Siegen-Wittgenstein ist der ehemalige Truppenübungsplatz, den die belgischen Streitkräfte 1994 verlassen haben: Die Stadt Siegen hat ausgerechnet dieses Gebiet für einen "Gewerbepark" vorgesehen.

Zwergstrauchheide (Calluna vulgaris-Gesellschaft), im Hintergrund Übergang zu Ginstergestrüppen (Sarothamnetum scoparius) (Foto: Ralf Linke, NABU)
Zwergstrauchheide (Calluna vulgaris-Gesellschaft), im Hintergrund Übergang zu Ginstergestrüppen (Sarothamnetum scoparius) (Foto: Ralf Linke, NABU)

Vor fast 10 Jahren bekamen wir vom NABU erstmals Betretungserlaubnis, um das Gebiet gründlicher zu untersuchen, damals noch im Auftrag der LÖLF (heute LÖBF = Landesanstalt für Ökologie, Bodenordnung und Forsten) in Recklinghausen. Wir fanden schnell sehr viele bedrohte Biotope, Tier- und Pflanzenarten, vor allem großflächig Magerwiesen, Heiden und Kleingewässer. In der Folgezeit wurde das Gebiet von der LÖBF mehrfach auf geschützte Biotope nach § 20 Bundesnaturschutzgesetz, später nach § 62 Landesnaturschutzgesetz, untersucht, vor allem die Hochflächen, auf die sich auch die Begehrlichkeiten der Stadt Siegen richteten, waren geradezu übersät mit schutzwürdigen Biotopen. 1995 gab die Stadt Siegen die sogenannte Machbarkeitsstudie in Auftrag, die die ökologische und ökonomische Problemlage umfassend klären sollte, mit dem Ergebnis, dass es sich zwar um eine naturschutzwürdige Fläche handelt, dass sie jedoch bebaut werden könnte, wenn sie ausreichend ausgeglichen würde (flächenmäßig 1:1,6), da es für die Stadt Siegen keine günstigere Gelegenheit gebe, ihr augenblickliches Gewerbeflächendefizit mit einem Schlag zu decken.

 Initiales Röhrichtsstadium eines periodischen Kleingewässers (Eleocharis palustris-Gesellschaft und Glyceritum fluitans) (Foto: Gustav Rinder, NABU)
Initiales Röhrichtsstadium eines periodischen Kleingewässers (Eleocharis palustris-Gesellschaft und Glyceritum fluitans) (Foto: Gustav Rinder, NABU)

Inzwischen waren zahlreiche ehemalige belgische Liegenschaften im Stadtgebiet auch für Gewerbegebiete frei geworden, der Gewerbeflächenbedarf der Stadt blieb jedoch über 10 Jahre merkwürdigerweise konstant. Uns wurde klar, dass das deutsche Naturschutzgesetz keinen hundertprozentigen Schutz gewährt, wenn aus überwiegenden Gründen des Gemeinwohls von der Unteren Landschaftsbehörde Ausnahmen zugelassen werden.


Mit erheblicher Verspätung, etwa 1997, begannen die Bundesländer, die von der EU erlassene FFH-Richtlinie umzusetzen. Zunächst befand sich die Trupbacher Heide nur in der Schattenliste der Naturschutzverbände, da von NRW zunächst nur Naturschutzgebiete gemeldet wurden, was jedoch völlig unzureichend war. Erst mit einer positiven Stellungnahme der LÖBF nahm das MURL (Ministerium für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft in NRW) die Trupbacher Heide mit in den 2. Akt auszuweisender FFH - Gebiete (so genannte Tranche 2b) auf. Angesichts dieser Tatsache wollte der RP (Regierungspräsident) in Arnsberg die Meldung des Gebietes befürworten, wurde jedoch vom heimischen Kommunalpolitikern - besonders der CDU, die inzwischen in Siegen die Kommunalwahl gewonnen hatte - überredet, den Standpunkt der Stadt Siegen zu vertreten, d.h. es gebe für Trupbach keine Alternativen.

NRW-Umweltministerin Höhn informiert sich vor Ort über die Schutzwürdigkeit der Trupbacher Heide (Foto: Albrecht Belz, NABU)
NRW-Umweltministerin Höhn informiert sich vor Ort über die Schutzwürdigkeit der Trupbacher Heide (Foto: Albrecht Belz, NABU)

Als Alternativen geprüft wurden Freudenberg - Wilhelmshöhe (1/4 der Trupbacher Heide gehört zu Freudenberg) und die Höhe bei Oberschelden, beide wurden wegen zu schwieriger Inanspruchnahme (zu viele Besitzer) verworfen. Der RP empfahl 1999 dem Bezirksplanungsrat, Trupbach als Gewerbegebiet vorzusehen, was dieser auch tat.

Die LÖBF untermauerte inzwischen ihre Untersuchungen durch pflanzensoziologische Aufnahmen, da die Maßstäbe für § 62-Biotope und Biotope nach der FFH-Anhangliste nicht immer identisch sind. Es wurden große Flächen von artenreichen Borstgrasrasen (unterschiedlicher Entwicklungsstadien, aber hohes Potenzial, fünftbeste im regionalen Vergleich), Zwergstrauchheiden (drittbeste im regionalen Vergleich) und extensive Mähwiesen als FFH-Biotope kartiert.

Das Kreuzblümchen (Rote Liste), charakteristische Art des Borstgrasrasens (Foto: Gustav Rinder, NABU)
Das Kreuzblümchen (Rote Liste), charakteristische Art des Borstgrasrasens (Foto: Gustav Rinder, NABU)


Etwa zeitgleich gab die Stadt Siegen ein Gegengutachten beim Kölner Büro für Faunistik in Auftrag. Die Gutachter kamen zu dem Schluss, dass artenreiche Borstgrasrasen gar nicht vorhanden seien; Zwergstrauchheiden zwar vorhanden und FFH-würdig, aber in einem meist degradierten Zustand seien; eine Meldung könne überflüssig sein, da schon genügend repräsentative Heidegebiete im Bezugsraum Süderbergland (Sauer-, Siegerland und Bergisches Land) gemeldet seien; extensive Mähwiesen seien vermutlich nicht im Sinne eines FFH-Biotops vorhanden. Letztlich spitzte sich der Dissens auf die Existenz der artenreichen Borstgrasrasen zu, da diese nach FFH-Anhangsliste ein prioritärer Lebensraum sind, der nur im Falle von Gefahr für Leib und Leben von Menschen zerstört werden darf.

Rotschwingel-Magerweiden (Festuco-Cynosuretum) im Hochsommer (Foto: Gustav Rinder, NABU)
Rotschwingel-Magerweiden (Festuco-Cynosuretum) im Hochsommer (Foto: Gustav Rinder, NABU)

Die Ergebnisse des Gegengutachtens ließen die Politiker der Stadt Siegen natürlich frohlocken und sie machten sie flugs zur politischen Leitlinie. Bürgermeister Stötzel meldete dies noch ohne ein Votum des Rates sofort nach Arnsberg. 
Skandalös ist in diesem Zusammenhang, dass nicht eine Sekunde an die Mangelhaftigkeit dieses Gutachtens gedacht wurde. Zunächst zeigte sich, dass die Gutachter sich mit fremden Federn geschmückt hatten: eine Zusammenarbeit mit einem Bonner Uni-Institut wurde zurückgenommen, nur Doktoranden hatten mitgearbeitet. 
Man merkt den Gutachten an, dass unter Zeitdruck gearbeitet werden musste, dazu kommt, dass die vorkommenden Pflanzenarten z.T. nicht erkannt oder gekannt wurden, was man besonders daran sieht, dass auch nicht dort vorkommende Arten genannt wurden. 
Seriöserweise hätte man mindestens ein zweites Mal im Jahr eine Kontrollaufnahme machen müssen. Die Autoren konnten also schlicht dank mangelnder Kenntnisse den vorhandenen Artenreichtum gar nicht erkennen.


Borstgrasrasen sind kurzgrasige Magerrasen auf sauren Böden über silikatischem Gestein, die vor allem durch Beweidung, oft mit zusätzlicher oder ersatzweiser Mahd, entstanden sind. Auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz fand, parallel zur militärischen Nutzung, über Jahrzehnte eine extensive Schafbeweidung statt, die eine Verbuschung verhindern sollte. Auf ausgehagerten Kuppen, aber auch auf stark militärisch genutzten Flächen, entwickelten sich Borstgrasrasen, die jedoch nach Abzug der Belgier und fehlender Schafbeweidung (1994-1998) verginsterten und verbuschten. Hier mussten wir als "Ginsterschläger" tätig werden, um den Lebensraum für bedrohte Tier- und Pflanzenarten zu erhalten.

Neben vielen weiteren setzen sich auch Schulklassen für die Offenhaltung der Trupbacher Heide tatkräftig ein (Foto: asa, NABU)
Neben vielen weiteren setzen sich auch Schulklassen für die Offenhaltung der Trupbacher Heide tatkräftig ein (Foto: asa, NABU)

Der mittlere Teil des Gebietes wird z. Zt. noch von der Bundeswehr bis 2008 weiter genutzt (ca. 60 ha). Hier wurden große Flächen von Ginster befreit (leider nur gemulcht), wobei jedoch manche Borstgrasrasen zum Vorschein kamen. Sie müssen weiterhin mindestens 1x jährlich gemäht werden, ebenso wie "fettere" Grünlandbereiche, die als extensive Mähwiesen erkannt wurden. Auch der Schäfer zieht inzwischen wieder über die Fläche, in diesem Jahr allein fünfmal. Der weitere Erhalt ist hier also weitgehend gesichert.


Im westlichen Teil werden große Flächen, nach Entginsterung, mit Galloway Rindern extensiv im Rahmen des Vertragsnaturschutzes beweidet, was durch die Biologische Station vermittelt wurde. Andere Flächen werden gemäht. Dennoch bleibt für uns noch viel Arbeit übrig, beispielsweise muss die Sukzession im Bereich der Heideflächen am Vordringen gehindert werden.


Durch die Fixierung auf die Vegetation und den hohen Zeitdruck traten zwei Aspekte der Trupacher Heide etwas in den Hintergrund. Da ist zum einen die hohe Bedeutung als Trittsteinbiotop mit großen offenen Flächen als Rastplatz für durchziehende Vögel, Schmetterlinge und Libellen. Neuerdings ist die schon ausgestorben geglaubte Grüne Keiljungfer (Libellenart) dort von Arnold Irle rastend beobachtet worden. Der zweite Aspekt ist die hohe Dichte der Heidelerche (ca. 20 Brutpaare), welches das fünftgrößte Vorkommen dieser Art in NRW darstellt. Die LÖBF will auch dies mit Zahlen im nächsten Jahr belegen, um eine Meldung als Vogelschutzgebiet möglich zu machen.

Bauernsenf (Teesdalia nudicaulis), eine Art der Sandrasen, die jedoch auf dem Truppenübungsplatz nicht durch eine eigenständige Gesellschft repräsentiert ist. (Foto: Gustav Rinder, NABU)
Bauernsenf (Teesdalia nudicaulis), eine Art der Sandrasen, die jedoch auf dem Truppenübungsplatz nicht durch eine eigenständige Gesellschft repräsentiert ist. (Foto: Gustav Rinder, NABU)

Wie geht es nun politisch weiter? Der RP hat ans MURL (Ministerium für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft in NRW) die Fläche zur Meldung nach Brüssel vorgeschlagen, allerdings mit dem Hinweis auf eine nach seiner Ansicht notwendige Nutzung als Gewerbegebiet durch die Stadt Siegen. Das nordrhein-westfälische Landeskabinett hat nun im November positiv entschieden, dass das Gebiet nach Brüssel gemeldet wird. Nun wird es über das Bundesumweltministerium weitergeleitet, was mit Ablauf des 31.3.2001 geschehen ist.

Das lässt die Stadt Siegen und speziell Herrn Breuer (CDU) jedoch nicht ruhen, dann auch die Brüsseler Entscheidung anzufechten. So kann man nur weiterhin hoffen, dass sich alles noch zum Guten für einen wirksamen Naturschutz entwickelt, und dass - vielleicht - auch den politischen Entscheidungsträgern bewusst wird, welch wertvolles Stück Natur sie hier vor der Haustür haben. Die Menschen, die die Trupbacher Heide kennen und durchstreifen, wissen dies schon lange.

Gustav Rinder, NABU

geschrieben vermutlich im Jahr 2001

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Foto: Tom Dove
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