Kleiner Igel - was nun?

Ein kühler, klarer Oktobertag, das Laub bedeckt in seiner vielseitigen Farbenpracht den Waldrand. Plötzlich raschelt es im Laub. Ein Igel trollt sich schnüffelnd am Wegesrand dahin. Klarer Fall, der Igel ist viel zu spät im Jahr unterwegs, außerdem scheint er nicht groß genug zu sein. Viele denken jetzt: das Tier muss mitgenommen und aufgepäppelt werden. - Falsch!!! – ganz so einfach ist es nicht!

Igel auf Komposthaufen

 

 

 

 

 

 

Wie viele seiner Art ist auch dieser "Kompost"-Igel kein Fall für die Überwinterung in menschlicher Obhut.

Foto: Michael Frede, NABU

Wohl kaum eines der heimischen Wildtiere genießt bei der Bevölkerung eine solch uneingeschränkte Sympathie wie der Igel. So wundert es kaum, dass alljährlich Dutzende dieser kleinen Stachelträger, besonders im Herbst, in der Obhut besorgter Tierfreunde landen. Obwohl das Bundesnaturschutzgesetz (§ 20g, Absatz 4) die Aufnahme verletzter oder kranker Tiere, sofern sie nicht vom Aussterben bedroht sind, zum Zweck der Pflege zulässt, überstehen die zu den Insektenfressern gehörenden Kleinsäuger jene gut gemeinte Behandlung oftmals nicht. Schuld daran ist immer wieder die mangelnde Kenntnis der Betreuer/innen.


Der NABU Siegen-Wittgenstein und die Biologische Station Rothaargebirge weisen deshalb darauf hin, dass Igel in die Hände von erfahrenen Spezialisten gehören, die sich mit den Ansprüchen der Tiere auskennen.

(siehe Liste von Ansprechpartnern für verletzte und gefährdete Tiere)


Fast jeder von uns hat irgendwann einmal den Ratschlag gehört, dass ein Igel, der unter 500 Gramm wiegt, den Winter nicht überstehen kann und deshalb in menschlicher Obhut überwintert werden sollte. Diese Regel ist leider viel zu allgemein gehalten und gilt natürlich nicht für den gesamten Herbst. Ab welchem Körpergewicht Igel gepflegt werden sollten, darüber gehen, auch in Fachkreisen die Meinungen deutlich auseinander.

Das Bild zeigt die wenig geschützte Unterseite eines eingerollten Igels.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf den Rücken gedreht, präsentiert dieser junge Igel seine wenig geschützte Unterseite

(Foto: Michael Frede, NABU)

 

 

Generell wird empfohlen, Jungigel mitzunehmen, wenn sie im November deutlich unter 500 Gramm wiegen. Eine andere Möglichkeit ist die des „Durchfütterns“ vor Ort. Magere Igel lernen recht schnell, wo die Schale mit dem Katzen- oder Hundefutter im Garten steht und fressen sich so den fehlenden Winterspeck an.

Nur wenn man folgende Situationen beobachtet, kann die Pflege eines Igels begründet sein:

  • Igel, die bei Schnee im Winter tagsüber herumlaufen
    Hierbei handelt es sich oft um kranke oder untergewichtige Jungigel, die ihr Winterquartier auf der Suche nach etwas Essbarem verlassen haben.
  • Offensichtlich kranke bzw. verletzte Igel
    In diesem Zusammenhang sollte bedacht werden, dass Igel eine Vielzahl an äußeren und inneren Parasiten beherbergen können, ohne dass diese ihre Wirtstiere schwächen müssen. Darüber hinaus sei jeder unerfahrene “Igelaufsammler“ an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass er sich in der Regel neben dem Igel auch weitere Untermieter, wie diverse Arten von Flöhen, Zecken und/ oder Milben ins Haus holt. Aber bei weitem nicht alle Igel sind wandelnde Flohhotels. Je nach Kondition können sie sehr unterschiedlich stark von diesen Parasiten befallen sein. Des Weiteren ist es wichtig zu wissen, dass Igel, die sich mit einer speichelartigen Flüssigkeit vor dem Maul die Stacheln bespucken, keinesfalls tollwütig sind. Dieses Einspeicheln ist eine natürliche Verhaltensweise, deren Sinn noch nicht eindeutig geklärt ist. Es wird jedoch vermutet, dass damit der Eigengeruch verstärkt werden soll.
  • Verwaiste Igelbabys
    Entsprechende Tiere sollte man vorher genau, möglichst mehrere Stunden lang, beobachten. Junge Igel verlassen nämlich nicht selten das Nest, um die Umgebung zu erkunden. Sie kehren dann nach gewisser Zeit wieder dorthin zurück. Auch nackte, noch blinde Igeljunge sind nur in den seltensten Fällen verlassen. Meist hat sich die Mutter für kurze Zeit vom Nest entfernt.

Bei all den eben genannten Fällen raten die Biologische Station Rothaargebirge und der NABU Siegen-Wittgenstein dazu, die betreffenden Igel innerhalb kürzester Zeit entweder zum Tierheim oder zu einer Person zu bringen, die für eine Wildtierpflege autorisiert ist. Im Kreis Siegen Wittgenstein wären dies der Tierschutzverein für Hilchenbach und Umgebung, Tel.: 0271/ 3720033 bzw. der Tierschutzverein für Siegen und Umgebung, Tel.: 0271/ 310640 oder 0271/310620 (Tierheim Siegen).

Kind im Gras schaut vorbeilaufendem Igel zu,

 

 

 


 

Besonders für Kinder sind Igel eine große Attraktion.

(Foto: Michael Frede, NABU)

Sollte sich jedoch, trotz intensiver Suche, keine entsprechende Anlaufadresse finden, die den Pflegling übernehmen kann, so sei z.B. auf das Buch „Tierfindling“ von Jürgen Plass verwiesen, welches 2001 im Agrarverlag erschienen ist. Hierin wird die Aufzucht, Pflege und Auswilderung verschiedener Tierarten sehr fundiert beschrieben.


Darüber hinaus sei angemerkt, dass die Pflege von kranken oder geschwächten Igeln in der Regel keinen Einfluss auf den Gesamtbestand hat. In der freien Wildbahn sind natürliche Verluste (zu denen jedoch keine Verkehrsopfer zählen) eingeplant und werden meist schnell kompensiert. Es ist viel mehr eine ethische Frage, ob man einem kranken Igel helfen möchte. Sehr viel effektiver ist hingegen eine naturnähere Gartengestaltung. Es muss nicht immer englischer Rasen sein (der zudem sehr pflegeintensiv ist). Auch ein Verzicht auf Pflanzenschutzgifte wie beispielsweise Schneckenkorn oder Insektizide bzw. die Anlage kleinerer Holz- und Laubhaufen in einer windstillen Ecke des Gartens werten ihn, nicht nur für den Igel, als Lebensraum auf.


Michael Frede, Biologische Station Siegen-Wittgenstein und NABU Siegen-Wittgenstein

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Foto: Tom Dove
Foto: Tom Dove

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