Meckern erwünscht -                               

Bekassine ist Vogel des Jahres 2013


Wie würden Naturfreunde sich im Kreis Siegen-Wittgenstein über das „Gemeckere“, wie die markanten Geräusche der Bekassine während ihres Balzfluges im Frühjahr umschrieben werden, auf unseren Feuchtwiesen freuen!

Bekassine sitzt auf einem Weidezaunpfahl im Feuchtgrünland

Bekassine auf einem Weidezaun in der „Nassen Moose“, Weidenhausen, Juli 1994

Foto: Michael Frede 

Aber dieser hübsche Wiesenvogel ist mittlerweile - für viele von uns unbemerkt - im Kreisgebiet verschwunden. Dies liegt unter anderem daran, dass ihr Lebensraum, Moore, Nasswiesen und -weiden, immer stärker degenerieren oder gar verschwinden. Stellvertretend für diese bedrohten Lebensräume wählten der NABU und der Landesbund für Vogelschutz (LBV) diese, in Deutschland vom Aussterben bedrohte Art zum „Vogel des Jahres 2013".

Nach aktuellen Schätzungen des NABU-Bundesverbandes liegen die Bestände der Bekassine in Deutschland heute nur noch zwischen 5.500 und 6700 Brutpaaren - Das ist lediglich die Hälfte des Bestandes von vor 20 Jahren! Hierzulande trifft man die Bekassine noch am häufigsten in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg an.


Chronik  des Aussterbens der Bekassine im Kreis Siegen-Wittgenstein

In Siegen-Wittgenstein galt die Bekassine in den 70er Jahren noch als regelmäßiger Brutvogel bzw. Jahresvogel (Franz & Sartor, 1979 bzw. Belz & König, 1983). In Wittgenstein ist die Art nach Belz & König (1983) nie häufig gewesen. Anfang der 80er Jahre werden hier noch 12 regelmäßig besetzte bzw. 6 weitere, vermutete Brutplätze genannt. Im Siegerland gab es nach Franz & Sartor (1979) 7-9 regelmäßig besetzte Reviere bzw. 4 weitere Brutzeitbeobachtungen. Mitte der 90er Jahre wurden die Wiesenbrüter Siegen-Wittgensteins erstmals kreisweit und systematisch im Auftrag der damaligen Landesanstalt für Ökologie, Bodenordnung und Forsten NRW(LÖBF) vom NABU kartiert. Spätestens dabei zeigte es sich, dass die Bekassine bereits einen deutlichen Rückgang der Brutreviere zu verzeichnen hatte. Im Siegerland wurden nur noch 5-6, in Wittgenstein nur noch ca. 4 Brutreviere festgestellt (Müsse & Sartor, 2004). In den ornithologischen Sammelberichten für die Jahre 1997 bis 2000 wird die negative Bestandsentwicklung im Siegerland deutlich beschrieben: „Der Rückgang der Bruten ist unverkennbar.“ (Franz & Sartor, 2002) Für Wittgenstein konstatierte M. Frede (2002) in den ornithologischen Jahresberichten 1997 bis 2002: „ Die Bestandszahlen haben katastrophal abgenommen, …“. Nach einer erneuten kreisweiten Wiesenvogelkartierung 2003 im Auftrag der Biologischen Station Rothaargebirge galt die Bekassine für Wittgenstein bereits als ausgestorben, im Siegerland gab es noch 1 Revierpaar auf der Lipper Höhe (Müsse & Sartor , 2004). Seit 2011 ist die Bekassine in Siegen-Wittgenstein als Brutvogel verschwunden (J. Sartor mündl. Mitt. 2011, an M. Frede). Als wenn dies nicht schon genug wäre, bedeutet dies zugleich, dass mit dem letzten Brutpaar auf der Lipper Höhe die Bekassine leider auch im gesamten nordrhein-westfälischen Süderbergland als Brutvogel verschwunden ist! Bekassinen kann man bei uns gegenwärtig leider nur noch mit Glück während der Zugzeit im Frühjahr und Herbst und vereinzelt in milderen Wintern im Feuchtgrünland oder am Ufer von verlandenden Teichen sowie an naturnahen Uferabschnitten unserer größeren Gebirgsflüsse beobachten.

 

Eine Zusammenfassung der erhobenen Beobachtungsdaten zur Bekassine seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts kann der Tabelle 1 entnommen werden. Die Karten 1 bis 3 zeigen den drastischen Rückgang dieser Art seit den 70er Jahren bis heute.


Tabelle 1: Beobachtungsdaten Bekassine.
Tabelle_Bekassine_2013.pdf
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Karten 1 bis 3: Nachweise von Bekassinen in den 1970er Jahren, den 1990er Jahren und ab 2011
Bekassine_70er_90er_2011.pdf
Adobe Acrobat Dokument 1.4 MB

Anmerkung: Diese Zusammenstellung war nur möglich, da seit Jahrzehnten etliche Naturliebhaber und Ornithologen Vogelbeobachtungsdaten melden, sowie kreisweite Kartierungen mit vielen Helfern durchgeführt werden. Diese Daten wurden gesammelt und v.a. in den Sammelberichten veröffentlicht (siehe Literaturhinweise unten)!


Woran liegt der stetige Rückgang dieser Art?

Allgemein sind die drastischen Bestandsrückgänge im 20. Jahrhundert Folge der europaweiten Entwässerungsmaßnahmen und der Biotopzerstörungen. Heute werden 90 Prozent des Grünlandes in Deutschland intensiv bewirtschaftet. 95 Prozent der heimischen Moore sind bereits entwässert oder tot (Quelle: www.nabu.de).


Die Bekassine ist im Brutgebiet auf sumpfige Wiesen mit niedriger, lückiger Vegetation und einen Wechsel von trockeneren und nasseren Bereichen angewiesen, wobei Blänken (kleinere, flache Wasserflächen) nicht fehlen dürfen. Ehemalige Wittgensteiner Brutplätze beschreiben Belz & König (1983) folgendermaßen: „Allen ist gemeinsam, dass sie auf feuchten Wiesen mit nicht allzu hoher Vegetation liegen, die als Viehweide genutzt werden. Kennzeichnend ist ein Wechsel von trockeneren Bulten (Neststandort) und nassen, oft durch Viehtritt geschaffenen Stellen, in denen das Wasser bis zu 10 (-20) cm hoch steht.“


Im Kreis Siegen-Wittgenstein gibt es, im Gegensatz zu vielen anderen Kreisen in NRW, noch verhältnismäßig viele dieser extensiv genutzten Feuchtwiesen und –weiden in den Talräumen. Laut mündlicher Mitteilung (2009) von Dr. Georg Verbücheln (Abteilungsleiter Naturschutz, Landschaftspflege und Fischereiökologie des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen, LANUV NRW) gehört der Kreis Siegen-Wittgenstein neben den Kreisen Euskirchen und Steinfurth zu den drei Biodiversitätszentren in NRW!


Der Erhalt des Extensivgrünlandes wird vor allem durch Landwirte gewährleistet, die diese Flächen nach den Vorgaben des Kulturlandschaftsprogramms, welches die Biologische Station Siegen-Wittgenstein betreut, bewirtschaften. Leider ließ sich der dramatische Rückgang dieser Art auch dadurch nicht aufhalten.


Zum Teil sind diese sogenannten Grenzertragsflächen im feuchten und nassen Grünland auch im Kreis Siegen-Wittgenstein nach Aufgabe der Nutzung Mitte bis Ende des letzten Jahrhunderts brachgefallen und mittlerweile dicht mit Hochstauden, v.a. Mädesüß zugewachsen. In Flächen mit zu dichter Vegetation kann sich die Art nicht vermehren, da selbst nach geglücktem Erbrüten der Gelege die zu den Nestflüchtern zählenden Jungtiere die dichte Vegetation nicht durchdringen können und schließlich an Unterkühlung sterben.


Ein weiterer, wichtiger Punkt ist, dass wasserständige Kleinlebensräume im Grünland der Fluss- und Bachauen immer mehr schwinden. Es fehlen die offenen Übergangsmoorbereiche mit Schwingrasen und Blänken oder klein- bzw. großseggenreichen Grünlandflächen in den Talauen, in denen sich Wasser bis in den Sommer hinein hält. Die Qualität vieler Feucht- und Nasslebensräume sinkt, denn diese werden im Schnitt immer trockener und verdichten immer mehr, sodass die empfindlichen Bekassinenschnäbel vielerorts kaum noch zur Nahrungssuche in den Boden eindringen können. Darüber hinaus haben wir auch in Siegen-Wittgenstein mit einer Intensivierung der Landwirtschaft durch Überdüngung, zu frühen Mahdzeitpunkt bis hin zur Umwandlung von Grünlandflächen in Energiemaisäcker zu kämpfen. Verdichtung vieler Böden durch zu schwere Traktoren schreitet ebenfalls voran.


Eine weitere, für „unsere“ Bekassinen nicht genau abschätzbare, aber bestimmt vorhandene Gefährdungsursache ist die in vielen Ländern Europas und der ehemaligen Sowjetstaaten weiterhin durchgeführte Jagd, insbesondere während des Zuges. In der EU werden jährlich über eine halbe Million Bekassinen während des Zuges in Europa geschossen (Basisinfo Bekassine auf NABU-Internetseite: nabu-siwi.de). Die meisten davon in Frankreich. Derartige Verluste während des Zuges bei gleichzeitigem, anhaltendem Lebensraumschwund kann die Art auf Dauer nicht kompensieren. In einem nie sehr individuenstarken Brutgebiet, wie dem Kreis Siegen-Wittgenstein muss sich eine derartige Dezimierung zusätzlich verheerend auswirken, auch wenn die Bekassine bei uns seit ca. 50 Jahren nicht mehr geschossen werden darf. Die meisten in Deutschland heimischen Bekassinen sind Kurzstreckenzieher. Sie verbringen den Winter in Südfrankreich, Spanien und Portugal, also in solchen Ländern, in denen sie einer vergleichsweise starken Bejagung ausgesetzt sind.


Da Bekassinen mit maximal 16 Jahren relativ alt werden können (Robinson 2005) wurde das Aussterben dieser Vogelart anfangs kaum erkannt. Die Vögel fanden sich Jahr für Jahr in den Brutgebieten ein, ohne Nachwuchs groß ziehen zu können. Erst als die Altvögel sukzessive wegstarben, zeigte sich das dramatische Ausmaß des Rückgangs.


Was macht den Vogel so unverwechselbar?

Aufgrund ihres beige-braunen Gefieders ist die Bekassine in ihrem Lebensraum gut getarnt. Wer sie im Brutgebiet mal auf einem Weidezaun oder während des Zuges an einem Gewässer zu Gesicht bekommt, dem fallen ihr untersetzter Körper mit den kurzen Beinen, aber vor allem der etwa sieben Zentimeter lange, gerade Schnabel am meisten auf. Mit diesem stochert sie im Boden nach Würmern, Schnecken und Insekten. Besonders typisch für diese Vogelart ist das „Meckern“, welches während der Balzflüge zwischen März und Mai über Feuchtwiesen und Mooren zu hören ist. Dabei handelt es sich um ein charakteristisches Geräusch, welches Bekassinenmännchen während ihres Balzfluges erzeugen. Sie vollführen imposante Sturzflüge, bei denen die Vögel ihre äußeren Schwanzfedern abspreizen, sodass sie im Luftstrom vibrieren und einen wummernden Laut verursachen. Darüber hinaus machen Bekassinen im Brutgebiet auch mit ihren im Sitzen vorgetragenen „tücke, tücke,…“-Rufen auf sich aufmerksam.


Wenn alles stimmt, klappt auch die Vermehrung !

Die Bekassinen gehen eine Saisonehe ein. In Mooren oder im Feuchtgrünland legt das Weibchen ab Ende April in einer gut versteckten flachen Mulde am Boden auf einem leicht erhöhten, trockenen Standort meist vier graue bis olivfarbene, dunkel gesprenkelte Eier. Die Eier werden ca. 20 Tage lang ausgebrütet. Nach dem Schlüpfen verlassen die Jungtiere bereits am ersten Tag das Nest und suchen schon selbst ihre Nahrung. Neben Würmern, Schnecken und Insekten stehen ab und zu auch Beeren und Sämereien auf dem Speiseplan.


Viele machen sich bereits im Sommer auf den Weg in den Süden

Ende Juli haben viele in Nordeuropa brütende Bekassinen ihre Brutreviere verlassen. In milden Jahren kann sich die Zugzeit bis in den tiefen Winter hinein verschieben. Oft rasten sie zusammen an einem wasserreichen Ort. Auch hier im Kreisgebiet können ziehende oder rastende Bekassinen z.T. vereinzelt bis in den Winter hinein beobachtet werden.

 

Was kann jeder einzelne tun! 

Die Bekassine ist für den NABU und den LBV im Jahr 2013 Botschafterin für die immer seltener werdenden Lebensräume Moor und Feuchtwiese. Jeder Einzelnen kann im Kleinen dazu beitragen, dass dem Erhalt dieser Lebensräume dient. Machen Sie doch einfach mit und kaufen Sie zum Schutz der Moore zu Beginn der Gartensaison dieses Jahr torffreie Blumenerde (siehe auch Artikel hierzu auf dieser Internetseite!).

 

Weitere Informationen über die Bekassine und interessante Projekte des NABU-Bundesverbandes siehe auf der Internetseite www.nabu.de.

 

Sabine Portig, NABU Siegen-Wittgenstein 


Literatur:

Bauer, H.-G. (1996): Die Brutvögel Mitteleuropas: Bestand und Gefährdung. Aula-Verlag. Wiesbaden 715 S.

Belz, A. & H. König (1983): Die Vogelwelt Wittgensteins

Franz, A. & J. Sartor (1979): Die Vögel des Siegerlandes, Hrg.: BNV Siegerland-Wittgenstein e.V.

Franz, A. & J. Sartor (1995): Ornithologischer Sammelbericht 1993 für das Siegerland, in: Beiträge zur Tier- und Pflanzenwelt des Kreises Siegen-Wittgenstein (1995), Band 3

Franz, A. & J. Sartor (1997): Ornithologischer Sammelbericht 1994 bis 1996 für das Siegerland, in: Beiträge zur Tier- und Pflanzenwelt des Kreises Siegen-Wittgenstein (1997), Band 4

Frede, M. (1995): Ornithologische Jahresberichte für Wittgenstein 1992 bis 1994, in: Beiträge zur Tier- und Pflanzenwelt des Kreises Siegen-Wittgenstein (1995), Band 3

Frede, M. (1997): Ornithologische Jahresberichte für Wittgenstein 1995 bis 1996, in: Beiträge zur Tier- und Pflanzenwelt des Kreises Siegen-Wittgenstein (1997), Band 4

Frede, M. (2002): Ornithologische Jahresberichte 1997 bis 2000 für Wittgenstein, in: Beiträge zur Tier- und Pflanzenwelt des Kreises Siegen-Wittgenstein (2002) , Band 7

Frede, M. (2005): Ornithologischer Jahresbericht für Wittgenstein 2001 bis 2004 in: Beiträge zur Tier- und Pflanzenwelt des Kreises Siegen-Wittgenstein (2005), Band 8

Frede, M.; Behle-Erwes, L.; Krafft, H.; Müsse, T.; Pfeil, A. (2010): Ornithologischer Sammelbericht für Wittgenstein 2005 bis 2008 in: Beiträge zur Tier- und Pflanzenwelt des Kreises Siegen-Wittgenstein (2010), Band 9

König, H. (1967): Die Vogelwelt des Kreises Wittgenstein – Sonderauflage aus Zeitschrift: Wittgenstein, Blätter des Wittgensteiner Heimatvereins e.V., Bd.31, Heft 3, vergriffen

Robinson, R.A. (2005): BirdFacts: profiles of birds occurring in Britain & Ireland (BTO Research Report 407). BTO, Thetford (http://blx1.bto.org/birdfacts/results/bob5190.htm)

Sartor, J. (2002) Ornithologischer Sammelbericht 1997 bis 2000 für das Siegerland, in: Beiträge zur Tier- und Pflanzenwelt des Kreises Siegen-Wittgenstein (2002), Band 7

Sartor & Müsse (2004): Wiesenvögel – Ergebnisse der Bestanderfassung der Wiesenvögel in Wittgenstein und Siegerland), in Natur und Umwelt, Heft 1/2004

Sartor, J. (2005): Ornithologischer Sammelbericht 2001 bis 2004 für das Siegerland, in: Beiträge zur Tier- und Pflanzenwelt des Kreises Siegen-Wittgenstein (2005), Band 8

Sartor, J. (2010): Ornithologischer Sammelbericht für das Siegerland 2005 bis 2008, in: Beiträge zur Tier- und Pflanzenwelt des Kreises Siegen-Wittgenstein (2010), Band 9

Zimmermann, K.-D. (1973): Aus der Vogelwelt des Kreises Siegerland, Selbstverlag

!!! Die Beiträge zur Tier und Pflanzenwelt, kann man beim NABU Siegen-Wittgenstein oder bei der Biologischen Station Siegen-Wittgenstein kaufen, sofern sie nicht vergriffen sind !!!

(Sabine Portig, Michael Frede)

Vogel des jahres 2017

Foto: Tom Dove
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