Der Wittgensteiner Wald wird Industriegebiet

Wenn man das Geoportal des Kreises Siegen-Wittgenstein im Netz öffnet und den Unterbereich „Windenergieportal“ aufruft, wird man feststellen, dass sich die weitaus meisten Windenergieanlagen, die geplant, im Bau oder schon errichtet sind in Waldgebieten befinden. Ein hoher Anteil der Anlagen befindet sich außerhalb der im Regionalplan vorgesehenen Vorrangzonen für Windenergie. Besonders hoch ist die Konzentration der Windenergieanlagen in Wittgenstein. Hier sind aktuell 23 Anlagen in Betrieb. Ca. 110 Anlagen sind genehmigt und überwiegend im Bau. Für weitere ca. 65 Anlagen wurde eine Genehmigung oder ein Vorbescheid beantragt. Im Siegerland sieht es (noch) etwas gemäßigter aus: 22 Anlagen sind in Betrieb, 39 Anlagen genehmigt und für ca. 59 gibt es Voranfragen oder Anträge.

 

Insgesamt ist es nicht übertrieben, wenn man die bisherige Genehmigungspraxis zu Grunde legt, von über 300 Windenergieanlagen im Kreisgebiet auszugehen. Der Nutzen von erneuerbarer Energie soll hier nicht in Frage gestellt werden und auch im NABU gibt es dazu eine überwiegend positive Grundeinstellung. Problematisch ist aus der Sicht des NABU aber der Ablauf der Genehmigungsverfahren, die mittlerweile kaum noch Natur- und Artenschutzaspekte berücksichtigt und auch den Wald als am wenigsten vom Menschen permanent veränderten Lebensraum nur noch unzureichend vor massiven Eingriffen schützt. Neben der Errichtung der eigentlichen Windenergieanlage, die bei der überwiegend durch Hanglagen gekennzeichneten Topografie umfangreiche Bewegungen von Biomasse, Fels- und Erdmaterial erforderlich macht, ist es auch die erforderliche Infrastruktur in Form von Zuwegungen und Kabeltrassen zu den oftmals weit abgelegenen Baustellen.

 

Schon die Vorbereitung des Baugrundes und der Wege beschränkt sich keinesfalls ausschließlich auf Kalamitätsflächen, wie es gerne dargestellt wird. Und selbst wenn

dem so wäre, auch die Kalamitätsflächen sind weiterhin Wald im Sinne des Landesforstgesetzes und selbstverständlich auch aus der Sicht des Naturschutzes wertvoll, da sich auf ihnen eine beeindruckende Walddynamik einstellt. Zur Baufeldräumung werden die Flächen kahlgeschlagen und mit schweren Mulchgeräten vollflächig egalisiert. Das gilt auch für die Erweiterungen oder die Neuanlage der Zuwegungen. Je nach Hanglage können hier Trassenbreiten von 20 Metern erreicht werden. Der Neu- und Ausbau der Wege und die Herrichtung der Baustellen führt häufig zu immensen Bewegungen an Fels- und Erdmaterial, da bergseitig große Mengen abgetragen und talseitig wieder aufgeschüttet werden müssen.

 

Auch wenn in Teilen ein Rückbau und Rekultivierung nach der Bauphase vorgesehen sind, ist der natürliche Aufbau der Bodenschichten inklusive der Wasserführung dauerhaft gestört und kaum durch technische Maßnahmen wieder herzustellen. Hinzu kommt ein gewaltiger Aufwand zusätzliche Bau- und Härtungsmaterialien in den Wegebau und die Baustellen einzubringen. Allein für die aktuellen Baustellen in Wittgenstein kann man grob geschätzt von 50.000 Tonnen Steinbruchmaterial ausgehen. Das entspricht rund 1.900 Lkw-Ladungen! Hinzu kommen die Betonfrachten für die Fundamente und die Transporte der Bauteile.

 

Wie die Bilder zu diesem Artikel eindrucksvoll zeigen, vollzieht sich durch den Windenergieanlagenbau im Kreisgebiet in vielen Waldgebieten ein drastischer Wandel vom Wald als Rückzugsraum bedrohter Arten, Erholungsraum, Rohstofflieferant, Wasserspeicher und Luftfilter, zu einem Wald, der von den riesigen Windenergieanlagen und deren Infrastruktur auf großer Fläche überformt, wird. Selbst in sensiblen Trinkwassereinzugsgebieten wurden Genehmigungen erteilt und man kann nur hoffen, dass die lebenswichtige Versorgung mit Trinkwasser dadurch nicht gefährdet wird.

 

Matthias Mennekes, NABU

 

Reihenfolge der Bilder: 

2 x Fischelbach Sohl

4 x Hermeskopf bei Erndtebrück

1 x Hermeskopf und Wormelsdorf

2 x Kilbe bei Bad Berleburg

1 x Oberndorf bei Hilchenbach 

2 x Volkholz bei Bad Laasphe

1 x Wartholzkopf bei Bad Laasphe

1 x Wolfskammer bei Bad Laasphe

1 x Wormelsdorf bei Erndtebrück.